Aus dem Tagebuch einer Liebenden

Das Wolfsmädchen

Alle dachten, sie hätte sich verirrt.

Aber sie musste ihn sehen, seine Nähe spüren.

Die Jäger berichteten regelmäßig über Abscheulichkeiten, die in diesem Wald lungerten, der sich nicht weit vom Dorf befand. Zahlreiche Monster warteten nur darauf, dass ein Dorfbewohner den falschen Weg einschlug und in ihre Klauen geriet. Seitdem die Jäger mit ihren kreativen aber brutalen Fallen für die Sicherheit sorgten, traute sich nichts mehr aus dem Wald hinaus. Geduldig warteten sie auf die Beute, die früher oder später von selbst kommen würde.

Das Mädchen wusste das alles. Und trotzdem ging sie in den Wald, ohne eine einzige Sekunde über die lauernde Gefahr nachzudenken. In dieser Nacht, als sie die Einsamkeit wieder packte und das Herz zu schmerzen begann, blieb ihr keine andere Wahl als ihr Monster aufzusuchen, der jeden Abend auf sie wartete. Mit dem neugierigen Mond, der jeden ihrer Schritte folgte und ihr über die Schulter blickte, stampfte sie durch den dichten Wald.

Als sie bei einer Holzhütte ankam, blieb sie stehen und wartete. Das war ihr Ort gewesen, wo sie sich heimlich trafen.

Und siehe da: zwei leuchtende, silberne Augen starrten sie aus der Dunkelheit an. Das für den Wolf typische Knurren echote und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es tatsächlich er war.

Langsam, als ob er sich beherrschen müsste, trat der große Wolf hervor und blieb vor dem zierlichen Mädchen stehen. Vorsichtig streckte sie ihre dünne, totenblasse Hand aus. Obwohl er eine Bestie war, liebte sie ihn wie am ersten Tag, als sich ihre Wege zufällig gekreuzt hatten. Sie war eine dumme, naive Göre, die ein Tier liebte und nicht stark genug war, sich von ihm fernzuhalten.

Er schnüffelte an ihren Fingern und legte seine Schnauze so, dass sie ihn streicheln konnte.

„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie und umarmte die Bestie, in dessen Fell sie  sich wie in einer Decke einkuschelte.

Er neigte seinen Kopf.

Sie vermisste seine Stimme und seine menschliche Gestalt.

„Geht es dir gut?“, fragte sie und blickte in seine Augen, die unverändert geblieben waren. Tief in seinem Innern war er noch derselbe, in den sie sich verliebt hatte.

Er nickte und warf ihr einen ihr schon bekannten Blick zu.

„Keine Sorge, mir passiert nichts“, beruhigte sie ihn, „Ich bleibe nicht lange, versprochen.“

Gerade als sie die Worte laut aussprach, hörten sie ein Geräusch und erstarrten beide vor Schreck. Der Wolf drehte ihr den Rücken zu und wartete gespannt, bis sich das angekündigte Ungeheuer blicken ließ. Sein Schwanz wedelte wie wild und er fletschte seine spitzen Zähne, bereit, Blut fließen zu lassen. Plötzlich trat ein Wesen hervor, das halb Mensch halb Tier war. Der Werwolf war kolossal, stand auf zwei Beinen und schlug mit seinen Armen um sich. Fest entschlossen, das Mädchen zu verspeisen, stürzte er sich auf sie und zerkratzte sie an der Wange. Zu ihrem Glück drängte sich der Wolf dazwischen und stürzte das tollwütige Monster zu Boden. Keifend und mit einem Gebrüll, der den ganzen Wald aufweckte, rollten sie sich in die Dunkelheit zurück.

Trotz ihrer wackligen Knie raffte sie sich auf und lief den ganzen Weg zurück, den sie gekommen war, während das Blut ihren Hals wie eine Diamantenkette schmückte. Die Wunde war ein präziser und tiefer Schnitt, der vom linken Ohr bis zum Kinn reichte. Doch in diesem Moment sorgte sie sich mehr um ihre Bestie als um sich selbst.

Der Mond erhellte ihr den Weg, damit sie nicht in ein Gestrüpp lief oder über Baumstumpfe stolperte. Plötzlich trübte sich ihr Blick und der Wald begann sich zu drehen. Mit großer Mühe erkannte sie die drei Jäger, die mit Fackeln und Schrotflinten bewaffnet, lauthals ihren Namen riefen. Sie schloss die Augen und fühlte nichts als sie wie ein abgesägter Baum auf den harten Boden knallte.

Das schrille Geschrei einer Frau wecke sie wieder auf. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und erkannte neugierige Gesichter, die sich über sie beugten.

„Schnell, ich brauche mehr Schnaps, um die Nadel zu desinfizieren!“, hörte sie den Jäger schreien. Obwohl sie wie hypnotisiert den Mond am dunklen Nachthimmel anstarrte, spürte sie die Hektik und Anspannung, die ihre Zuschauer ausstrahlten.

Innerlich lächelte sie den Mond an. Auch jetzt wich der treue Begleiter nicht von ihrer Seite. Mit einem Auge blickte er auf sie herab und mit dem anderen hielt er Ausschau nach ihrem Wolf.

 

2 Gedanken zu „Das Wolfsmädchen“

  1. Ich bewundere dein Talent für Kurzgeschichten. Kurz, knackig, prägnant, offen und doch abgeschlossen. Ich könnte nicht so auf den Punkt kommen, ich hätte ständig das Gefühl, ich müsste früher ansetzen, mehr kontextualisieren, die Geschichte weitertreiben… obwohl es, wie du zeigst, ja auch anders so wunderbar funktioniert! Ganz toll, ehrlich 🙂

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