Wo die Liebe hinfällt

Die Welt ist kein schöner Ort. War sie nie, wird es auch nie sein. 
Zum großen Teil ist es seine Schuld. Das ultimative Böse, gekleidet in das schwärzeste Schwarz, das es auf dieser Welt gibt. Innerlich wie äußerlich.
Er hat viele Namen und genau so viele Gesichter.
Selbstbewusst steht er mitten auf dem überfüllten Platz und stört vorbeigehende Passanten, die ihm ausweichen müssen. Als wüssten sie, dass man sich mit dieser Kreatur lieber nicht anlegen sollte, gehen sie kommentarlos an ihm vorbei.
Höchst konzentriert lauscht er den Gesprächen und erst als er seine Augenlider schließt, kann er es spüren.  
Unsicherheit. Einsamkeit. Liebesbedürftigkeit. 
Neugierig öffnet er seine teuflischen Augen und erblickt sie sofort. 
Die junge Kellnerin, die gerade ein älteres Paar bedient, lächelt freundlich und nimmt Bestellungen auf. Sie trägt eine enge, schwarze Hose und ein weites, weißes T-Shirt. Um die Taille hat sie eine kurze Schürze umgebunden, an die sie ihren Notizblock und ihren Kugelschreiber befestigt hat. Das braune, zu einem Zopf gebundene Haar, ist lang und glänzt im Sonnenlicht. Ihre  honigbraunen Augen funkeln sobald sich ihre Lippen zu einem Lächeln formen. Sie trägt keinen Schmuck, hat keine sichtbaren Tätowierungen oder sonstige auffällige Merkmale. 
Trotz dieser Schönheit ist es nicht das Aussehen, das sie endgültig verraten hat, sondern ihre Aura. Nun kann er es deutlich sehen, diesen violetten Schatten, der sie umgibt. Für gewöhnlich sind es Kinder, die die gleiche Farbe ausstrahlen. Sie jedoch war eine erwachsene Frau und somit ein Prachtexemplar. Ihre Seele muss so unverdorben sein wie die eines Kindes. 
Mit Bedacht nähert er sich dem kleinen Café mit Ausblick auf den berühmten Stephansdom, setzt sich auf den freien Stuhl und wartet. Selbstbewusst starrt er sie an und wartet geduldig weiter, bis sie schlussendlich zu seinem Tisch kommt. Desinteressiert bestellt er irgendein alkoholfreies Getränk von der Karte und beginnt seinen nächsten Schritt zu planen. 
Es ist schon länger her, dass er Energie getankt hat. Um sein wahres Gesicht weiterhin verstecken zu können, muss er dringend eine gute, unschuldige Seele verzehren. Anders geht es nicht. 
Schnell trinkt er aus, doch wie erwartet kann die Flüssigkeit seinen Durst nicht stillen. Die Nahrung, die er braucht, ist weder flüssig noch fest… Sie ist schwer zu beschreiben. Diesen Energieaustausch kann man nur fühlen.
Er nimmt das silberne Tableau vom Tisch und betrachtet sein Spiegelbild. Ein junges, überaus attraktives Gesicht starrt zurück. Große, hellblaue Augen, Dreitagebart, ein skeptischer Blick und etwas längeres, kräftiges Haar. Von solchen Kerlen träumt sie also…
Sein wahres Gesicht würde sie erst zu sehen bekommen, wenn es schon längst zu spät war; wenn er kurz davor war, ihr gewaltvoll die Seele aus der Brust zu reißen. Gelähmt vor Angst würde sie nur zuschauen, wie ihre Lebensfreude auf ihn überging. Während er wie eine Kirschblüte im Frühling aufging, verwelkte sie innerhalb kürzester Zeit.
Wieder wanderte sein Blick zu ihr. 
Dieses Mal lächelt sie ihn anders an und ihre Wangen bekommen plötzlich eine rosige Farbe. Auch sie spürt, dass da etwas ist. Aber sie ahnt nicht, dass das, was sie für die Liebe auf den ersten Blick hält, ihr sicherer Untergang ist. 
 

🖤

 

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