In der Geisterbahn

Halloween.

Nur an diesem einen Tag fühlte sich das Clown-Sein wie eine Bestimmung an. 

Euphorisch streifte sich Gregor das spezielle Kostüm über,  welches viel edler und teurer war als das, was er täglich auf der Straße trug. Der dunkelblaue Samtstoff war mit goldenen Sternchen übersäht und schimmerte im Licht. Große weiße Rüschen schmückten seinen Hals sowie seine Fußknöchel und Handgelenke. Auch das Make-Up trug er dicker und dramatischer auf als üblich. Sogar seine lilafarbenen Schuhe wirkten wie neu.

Im Vergnügungspark war der Teufel los, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine übergroße Figur wurde am Scheiterhaufen verbrannt, während Zombies, Hexen und Vampire frei herumliefen. In der Luft roch es nach Süßem und Frittiertem. Es war dunkel, laut und überfüllt.

Ideale Voraussetzungen.

Unauffällig schlicht sich Gregor zum geheimen Eingang der Geisterbahn. Er beobachtete die Gesichter in der Warteschlange und grinste breit, als er sein Opfer erkannte. Geduldig spähte er weiter, bis sich der Mann in die Chaise Nummer 13 setzte und los fuhr. Augenblicklich verschwand auch Gregor in der Dunkelheit. Die Innenbeleuchtung der Animatronics half ihm der paarweise angebrachten Schienen zu folgen. Er musste sich nicht verstecken, obwohl sein Anblick die meisten Besucher erschreckte. Manche von ihnen brüllte er absichtlich an und andere wiederum ignorierte er völlig. Das Messer in seiner Hand blitzte jedes Mal auf, wenn bei der Fotostation die Kamera ausgelöst wurde.

Dort stand er. Und wartete. 

Draußen, vor dem Eingang sowie beim Ausgang der Geisterbahn, waren große Bildschirme montiert. Die Besucher konnten sich nach der Fahrt ihr Foto als Andenken kaufen, während den Besuchern vor dem Eingang ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie drinnen erwartete, geliefert wurde.

Ein Bild löste das andere ab. Nach zahlreichen erschrockenen Gesichtern kam ein zutiefst verstörendes und ekelerregendes Foto von einem Mann, dem ein Messer in der Brust steckte. Aus seinem Mund floss dunkelrotes Blut und sein Kopf war seitlich geneigt. Man konnte ihm die Angst in seinen toten Augen sehen.

„Boah, das sieht ja total echt aus!“, rief ein Teenager fasziniert und deutete auf das aktuelle Foto von der Chaise Nummer 13. 

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Hektisch und mit zittrigen Händen suche ich nach einer Waffe, nach irgendetwas,  womit ich mich verteidigen kann. Wie wild hämmert das Herz gegen die Brust, um meinen schwachen Körper weiterhin mit Adrenalin zu versorgen. Sie werden jede Sekunde zurückkommen und ich will nicht das gleiche Schicksal erleiden wie der unschuldige Pizzabote, der immer noch vor der Eingangstüre liegt, tot.

Unter der Couch finde ich eine Pistole, eingepackt in eine Ziploc-Tüte, inklusive Munition. Ich frage mich ob ich den Mut hätte, sie auch zu benutzen. Zu sterben bin ich noch nicht bereit und schon gar nicht auf diese Weise. Aber um mein Leben zu retten muss ich das von jemand anderen nehmen. Verzweifelt werfe ich die Waffe auf die Couch. Mein Blick trübt sich und reflexartig wische ich eine Träne weg. Ich weiß, dass ich es nicht tun kann.

Plötzlich höre ich ein Geräusch und lausche neugierig. Ich atme nicht und meine ganze Aufmerksamkeit ist auf die Eingangstüre gerichtet. Sind sie es? Werden sie mich jetzt töten oder mich verschonen, weil ich irgendwie zur Familie gehöre?

Obwohl es mein Bruder und mein Vater sind, die die Wohnung betreten, bin ich nicht erleichtert oder glücklich, sie zu sehen. Stattdessen spüre ich Wut, die mich innerlich zerreißt. Sie sind nicht besser als diese Mörder, mit denen sie Geschäfte machen. Ich will nicht fragen, wo sie waren und was  sie gemacht haben. Es kostet mich ohnehin viel Anstrengung, die Stimme in meinem Kopf zu verdrängen, die leise antwortet: „Dasselbe wie ihre Geschäftspartner mit dem Pizzaboten.“

„Gib mir die Autoschlüssel, ich verschwinde von hier!“, sage ich, ohne einen von ihnen anzusehen. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet und meine Hand ist ausgestreckt.

„Warum? Was ist los?“,  fragt mein Bruder. Er ist beherrscht und wirkt seelenruhig. Wie kann er nur? Ich fürchte mich zu gestehen, dass es womöglich daran liegt, dass er keine Seele hat.

„Weil einer von deinen Gangstern soeben einen unschuldigen Mann erschossen hat! Vor meinen Augen!“, schreie ich unkontrolliert. „Jemand soll mir die verdammten Autoschlüssel geben!!“, fordere ich verzweifelt ein letztes Mal. Mein Bruder schweigt. Er weiß, dass er sein Auto nie wieder sehen würde, genauso wie mich.

„Hier“,  sagt mein Vater und händigt mir seine Schlüssel. „Hör zu: Wenn deine Mutter das mit dem Geld erfährt, dann…“

„Das wird sie nicht, ich verspreche es! Außerdem brauchen wir euer verdammtes Geld nicht und ich werde nie ein Wort darüber verlieren oder über meinen Besuch hier! Das war ein großer Fehler!“ Ich bin fest entschlossen alles, was ich hier gesehen habe, aus meinem Gedächtnis zu löschen. Hoffentlich gelingt es mir.

„Gut. Dann fahr vorsichtig“, sagt er gleichmütig. Ohne einen weiteren Kommentar abzuwarten, drehe ich mich um und eile zur Türe. Beim Anblick auf die am Boden liegende Leiche wird mir übel und entlang meinem Rücken spüre ich einen kalten Schauder, als ob mir jemand eisiges Wasser auf den Rücken schüttete. Ich fürchte der leere Blick dieser glasigen Augen wird mich für immer verfolgen.

Mit wackeligen Beinen gehe ich an ihm vorbei und laufe hinaus in die Nacht. Auf der Straße erkenne ich den schwarzen Range Rover und springe sofort hinein. Ohne mich anzuschnallen trete ich auf das Gaspedal und fliehe aus Florenz. Die Hände schwitzen und mit jedem zurückgelegten Kilometer verkrampft sich das Herz mehr und mehr. Würden sie eine Augenzeugin laufen lassen? Oder würden sie meinen Bruder und meinen Vater vor die Wahl stellen, sich für eine Familie zu entscheiden?

Die toskanische Landschaft ist idyllisch doch ich nehme nichts von dieser Schönheit wahr. Ziellos fahre ich auf verlassenen, mit Zypressen gesäumten Landstraßen. Ich habe weder gegessen noch getrunken. Dementsprechend lässt meine Konzentration nach und ich kann die Straßenschilder nicht mehr lesen, die eindeutig zu schnell an mir vorbeirasen.

Auf dem sanften Hügel vor mir entdecke ich ein großes Haus und folge dem  Kieselweg, der mich direkt dorthin führt. Trotz langsamer Fahrt bildet sich eine weiße Staubwolke und bleibt wie eine Spur in der Luft zurück. Ich habe Glück, denn auf dem Weingut werden tatsächlich Zimmer vermietet. Ich schließe die Türe ab, schiebe eine Kommode davor und lasse das Licht ausgeschaltet. Da ich mich fürchte einzuschlafen, setzte ich mich auf einen Sessel und starre durch das Fenster. Wieder einmal denke  ich daran, eine Nummer anzuwählen, die ich seit Jahren in meinem  Telefon wie einen Grabstein mit mir herumschleppe. Ob er abheben würde? Ob er helfen könnte? Könnte sicher, aber ob er es auch wollen würde? Nach einem tiefen Atemzug nehme ich mein Smartphone aus meiner Jackentasche und wähle die Nummer, die ich mir geschworen habe, nie anzurufen. Schließlich meldet sich die mir allzu bekannte Stimme und ich warte kurz, zögere wie immer, bevor ich etwas sagen kann.

„Hallo. Ich bin´s. Ich brauche deine Hilfe.“

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Bargespräche

 

An diesem Nachmittag hatte ich einen Streit mit meiner Frau. Eigentlich hasse ich es, wenn wir uns streiten. Aber nach über dreißig Jahren Ehe weiß ich auch, dass Meinungsverschiedenheiten dazugehören und dass sie mich mit ihrer Sturheit zur Weißglut treiben kann. Also beschließe ich ganz allein ins Kabarett zu gehen. Doch nicht die darstellende Kunst half mir zu erkennen, was für ein Glückspilz ich eigentlich war, sondern das Gespräch mit einer jungen Frau, die glatt meine Tochter sein könnte.

Nach der Vorstellung beschloss ich in die Bar nebenan zu gehen und mir einen Drink zu gönnen. Auf den ersten Blick war ich fasziniert von den kleinen aber gemütlichen Räumlichkeiten, die fast heimelig wirkten. Natürlich war das Licht gedimmt und bunte Scheinwerfer erhellten die noch leere Tanzfläche. Der Geruch vom alten Holz und Zigarren schwebte in der Luft und auch die roten Samtwände verströmten einen eigenen, nicht unangenehmen aber recht spezifischen Duft. Der große, mit Diamanten besetzte Lüster pendelte hin und her. Ich versuchte mich, so unauffällig es ging, an die Theke zu setzen. Obwohl ich finde, dass ich  für mein Alter  gar nicht so übel  aussehe, fühlte ich mich fehl am Platz. Die cremefarbene Hose mit Bügelfalte und mein hellblaues Hemd – ich weiß, eine Kombination, die nach Senioren und Altersheim schreit – erlaubten mir nicht, unauffällig meinen Whiskey zu genießen. Etwas nervös   trank ich mein Getränk und beobachtete die anderen Gäste um mich herum,  die zur Musik aus den 50er Jahren tanzten. Ich erinnerte mich an meine Jugend und  musste wie verrückt grinsen. Es war die beste Zeit meines Lebens. Die Zeit, in der ich meine Frau kennengelernt habe und es nie bereut habe. Nicht einmal nach unserem Streit.

Und dann, als ich die jungen Menschen lange genug beobachtet hatte, fiel mir auf,  dass keiner von ihnen wirklich glücklich war. Sie lachten ohne Funken in den Augen, sie tanzten energielos und sprachen ohne jegliche Begeisterung. Hinter diesen lächelnden Masken versteckten sich arme, traurige Gesichter, die die anderen oder womöglich auch sich selbst vom Gegenteil überzeugen wollten. „Was war mit der heutigen Jugend nur los?“, fragte ich mich. Diese fast zombiehafte Stimmung erschrak mich mehr als die dramatischen Schlagzeilen in den Zeitungen.

In diesem Augenblick kam ein junges Fräulein an die Bar, um sich einen Cocktail zu bestellen. Sie war mir aufgefallen, weil sie den melancholischen Blick in ihren Augen nicht verstecken konnte. Ohne viel zu überlegen, sprach ich sie an.

„Entschuldige bitte“, versuchte ich höflich ein Gespräch anzufangen. Ich wollte nicht den falschen Eindruck erwecken, aber sie lächelte entspannt und blickte mich mit einem respektvollen und höflichen Blick an, den man für gewöhnlich älteren Personen entgegenbringt. „Dürfte ich Sie etwas fragen?“ Zu meiner Überraschung nickte sie und nahm ihren Cocktail in die Hand. Neugierig starrte sie mich an.

„Sie scheinen mir wie jemand, der lieber woanders wäre als hier. Woran liegt das?“

Fast etwas verschämt blickte sie zu Boden und überlegte kurz, ob sie auf meine Frage antworten sollte. Dann sprach sie: „Das liegt daran, dass ich tatsächlich lieber zu Hause wäre, um in aller Ruhe mein Buch zu lesen.“

„Gefällt es Ihnen denn nicht hier?“ Ich wollte unbedingt wissen, was in ihr vorging.

„Doch, doch! Die Location ist super, die Musik ist fabelhaft und die Getränke sind gut gemixt. Ich bin mit meinen Freunden hier und es ist eigentlich ein toller Abend.“

„Eigentlich…“, hob ich hervor. Ich spürte, dass da noch mehr war, was sie mir nicht  sagen wollte. Doch durch den Alkohol beeinflusst, sprach sie weiter.

„Waren sie jemals verliebt? Ich meine, so richtig, ohne jegliche Begründung und ohne nachzuvollziehen, warum ausgerechnet diese eine Person, und nur diese eine Person, sie glücklich machen kann?“

Sofort nickte ich. „Ja. Ich habe sie vor fast vierzig Jahren geheiratet.“

Sie lächelte. „Das freut mich für Sie, wirklich.“

Ich wartete in der Hoffnung, dass sie weiter erzählte. Ihre Augen glänzten.

„Wissen Sie, ich habe so jemanden verloren, wahrscheinlich für immer. In meinem Herzen hat er ein Loch hinterlassen und egal wohin ich gehe, die Leere folgt mir wie ein Schatten. Und jeder hier, inklusive meinen Freunden da drüben“, sagte sie und deutete auf ein Grüppchen auf der Tanzfläche, „jeder von ihnen versucht seine eigene Leere auf dieselbe Weise zu füllen: Mit lauter Musik, Alkohol, vielleicht neuen Bekanntschaften für eine Nacht… Aber am Ende sind wir alle einsamer als wir es zugeben wollen.“

Ihre Offenheit und Ehrlichkeit überraschte und erschrak mich zugleich. Warum war ich mit meinen sechzig Jahren, mit einem Bandscheibenvorfall und meinem schlechten Gehör so viel glücklicher als diese jungen Menschen, die noch so viel vor sich hatten? Herr im Himmel, sie hatten doch alles: Schönheit, Gesundheit, die neuersten Telefone, die modernsten Kleidungsstücke, die schnellsten Autos und konnten um die Welt reisen!

„Einen schönen Abend noch“, sagte das junge Mädchen und ging zu ihren Freunden. Nachdenklich blickte ich ihr hinterher. Sie hatten alles, aber ihnen fehlte das Wichtigste, sozusagen die Essenz des Lebens: Die Liebe, sie war der Schlüssel zum Glück.

Ich ließ mein Getränk stehen und eilte nach Hause. Ich hatte unseren Streit völlig vergessen und freute mich auf die Umarmung meiner Frau, die mir die ganze Welt bedeutete.

Ich habe mein Glück gefunden und hoffe, dass diese jungen Menschen es eines Tages auch finden.

 

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Das Wolfsmädchen

Alle dachten, sie hätte sich verirrt.

Aber sie musste ihn sehen, seine Nähe spüren.

Die Jäger berichteten regelmäßig über Abscheulichkeiten, die in diesem Wald lungerten, der sich nicht weit vom Dorf befand. Zahlreiche Monster warteten nur darauf, dass ein Dorfbewohner den falschen Weg einschlug und in ihre Klauen geriet. Seitdem die Jäger mit ihren kreativen aber brutalen Fallen für die Sicherheit sorgten, traute sich nichts mehr aus dem Wald hinaus. Geduldig warteten sie auf die Beute, die früher oder später von selbst kommen würde.

Das Mädchen wusste das alles. Und trotzdem ging sie in den Wald, ohne eine einzige Sekunde über die lauernde Gefahr nachzudenken. In dieser Nacht, als sie die Einsamkeit wieder packte und das Herz zu schmerzen begann, blieb ihr keine andere Wahl als ihr Monster aufzusuchen, der jeden Abend auf sie wartete. Mit dem neugierigen Mond, der jeden ihrer Schritte folgte und ihr über die Schulter blickte, stampfte sie durch den dichten Wald.

Als sie bei einer Holzhütte ankam, blieb sie stehen und wartete. Das war ihr Ort gewesen, wo sie sich heimlich trafen.

Und siehe da: Zwei leuchtende, silberne Augen starrten sie aus der Dunkelheit an. Das für den Wolf typische Knurren echote und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es tatsächlich er war.

Langsam, als ob er sich beherrschen müsste, trat der große Wolf hervor und blieb vor dem zierlichen Mädchen stehen. Vorsichtig streckte sie ihre dünne, totenblasse Hand aus. Obwohl er eine Bestie war, liebte sie ihn wie am ersten Tag, als sich ihre Wege zufällig gekreuzt hatten. Sie war eine dumme, naive Göre, die ein Tier liebte und nicht stark genug war, sich von ihm fernzuhalten.

Er schnüffelte an ihren Fingern und legte seine Schnauze so, dass sie ihn streicheln konnte.

„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie und umarmte die Bestie, in dessen Fell sie  sich wie in einer Decke einkuschelte.

Er neigte seinen Kopf.

Sie vermisste seine Stimme und seine menschliche Gestalt.

„Geht es dir gut?“, fragte sie und blickte in seine Augen, die unverändert geblieben waren. Tief in seinem Innern war er noch derselbe, in den sie sich verliebt hatte.

Er nickte und warf ihr einen ihr schon bekannten Blick zu.

„Keine Sorge, mir passiert nichts“, beruhigte sie ihn, „Ich bleibe nicht lange, versprochen.“

Gerade als sie die Worte laut aussprach, hörten sie ein Geräusch und erstarrten beide vor Schreck. Der Wolf drehte ihr den Rücken zu und wartete gespannt, bis sich das angekündigte Ungeheuer blicken ließ. Sein Schwanz wedelte wie wild und er fletschte seine spitzen Zähne, bereit, Blut fließen zu lassen. Plötzlich trat ein Wesen hervor, das halb Mensch halb Tier war. Der Werwolf war kolossal, stand auf zwei Beinen und schlug mit seinen Armen um sich. Fest entschlossen, das Mädchen zu verspeisen, stürzte er sich auf sie und zerkratzte sie an der Wange. Zu ihrem Glück drängte sich der Wolf dazwischen und stürzte das tollwütige Monster zu Boden. Keifend und mit einem Gebrüll, der den ganzen Wald aufweckte, rollten sie sich in die Dunkelheit zurück.

Trotz ihrer wackligen Knie raffte sie sich auf und lief den ganzen Weg zurück, den sie gekommen war, während das Blut ihren Hals wie eine Diamantenkette schmückte. Die Wunde war ein präziser und tiefer Schnitt, der vom linken Ohr bis zum Kinn reichte. Doch in diesem Moment sorgte sie sich mehr um ihre Bestie als um sich selbst.

Der Mond erhellte ihr den Weg, damit sie nicht in ein Gestrüpp lief oder über Baumstumpfe stolperte. Plötzlich trübte sich ihr Blick und der Wald begann sich zu drehen. Mit großer Mühe erkannte sie die drei Jäger, die mit Fackeln und Schrotflinten bewaffnet, lauthals ihren Namen riefen. Sie schloss die Augen und fühlte nichts, als sie wie ein abgesägter Baum auf den harten Boden fiel.

Das schrille Geschreie einer Frau wecke sie wieder auf. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und erkannte neugierige Gesichter, die sich über sie beugten.

„Schnell, ich brauche mehr Schnaps, um die Nadel zu desinfizieren!“, hörte sie den Jäger schreien. Obwohl sie wie hypnotisiert den Mond am dunklen Nachthimmel anstarrte, spürte sie die Hektik und Anspannung, die ihre Zuschauer ausstrahlten.

Innerlich lächelte sie den Mond an. Auch jetzt wich der treue Begleiter nicht von ihrer Seite. Mit einem Auge blickte er auf sie herab und mit dem anderen hielt er Ausschau nach ihrem Wolf.

 

Über Harry Potter

Liebe J.K. Rowling!

Ich kann mich erinnern, dass er damals für Aufregung sorgte. Jeder las über den berühmten Zauberjungen und sah ihn auf der großen Leinwand. Nur ich nicht.

Die Jahre flogen dahin und ich wurde erwachsen. In meinem Leben lief es drunter und drüber. Es gab einen Zeitpunkt, an den ich mich nicht gerne erinnere. Ich war verloren. Es war das Fürchterlichste, was ich bisher erlebt hatte. Und dann traf ich Harry, den Jungen der überlebte.

In diesen, für mich dunklen Zeiten, begann ich Harry Potter zu lesen. Ich konnte nicht glauben, wie viel Licht und Freude dieser kleine Junge in mein Leben gebracht hatte. Ich sah ihn aufwachsen und entwickelte unwillkürlich Muttergefühle für ihn. Er war mein Harry und ich bangte mit ihm. Ich sah ihn aufwachsen, war mit Stolz erfüllt über seine Tapferkeit, sein gutmütiges Herz und seinem Durchhaltevermögen. Ich lachte mit ihm, ich weinte mit ihm. Als er dann schlussendlich seine eigene Familie gründete, ließ ich ihn wieder los. Mein Harry war erwachsen und ich wurde Großmama.

Eine unglaublich tolle Welt, in die Sie uns eintauchen lassen. Diese Welt hatte mich damals aus meiner befreit.

Mittlerweile bin ich selbst Mutter. Letzte Woche war ich mit meinem zehnjährigen Sohn in der Buchhandlung. Zufällig sind mir die Bücher aufgefallen und ich dachte mir, dass es an der Zeit wäre, ihm die magische Welt zu zeigen. Seitdem läuft er mit dem ersten Band durchs Haus und liest wo er kann. Vor dem Schlafen gehen höre ich ihn lachen und am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt er uns gespannt, was im Buch so alles passiert.

Ich könnte nicht glücklicher sein. Danke J.K. Rowling, vom ganzen Herzen! Sie haben Großartiges geleistet.

 

Hochachtungsvoll,

eine ehrliche Mutter

 

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Winterspiele

Was machst du, wenn die Liebe deines Lebens, sich als unmöglich entpuppt? Ganz einfach: du rennst davon. Ständig auf der Flucht vor ihm, vor den eigenen Gedanken und Erinnerungen. Das alles, um etwas Frieden zu finden, um die erschöpfte Seele auszuruhen.

Weihnachten und Silvester vergingen schnell. Die Feiertage waren anstrengender als erwartet. Die Familie merkte die Melancholie, die ihre einst so aufgedrehte und gesprächige Mirabell umgab. Trotz ihres aufgesetzten Lächelns wussten auch ihre Freunde, dass sie ihn noch nicht vergessen hatte. Alle bemerkten die Veränderung und nur sie fühlte es. Sie brauchte mehr Abstand. Geografische Distanz. Also packte sie am nächsten Morgen ihre Klamotten zusammen, nahm ein paar Bücher mit und ging zum Bahnhof.

„Bitte ein Ticket für den nächsten Zug. Egal wohin“, verlangte sie am Schalter etwas unsicher. Die Dame warf kurz einen Blick über die dicken Ränder ihrer Lesebrille und starrte dann auf den Bildschirm ihres Computers. „Na dann, viel Spaß in Prag. Nächster bitte!“, schrie sie ungeduldig.

Die Zugfahrt war angenehm, auch das einsame kleine Hotel in dem sie abstieg, war zu ihrer Zufriedenheit. Da sie die Einsamkeit nicht mehr ertrug, beschloss sie ihre einzigen Verwandten, die dort lebten, aufzusuchen. Sie verbrachte einen netten Tag mit ihnen. Obwohl es draußen kalt war und der Schnee die Dächer und Straßen bedeckte, ließ sie sich die Schönheiten der Stadt zeigen. Am Abend jedoch machte sie alleine einen kurzen Spaziergang auf der Karlsbrücke. Sie war überrascht, nur ein paar Menschen anzutreffen. Wahrscheinlich hielt die eisige Kälte die meisten davon ab, sich im Freien aufzuhalten.

Plötzlich fühlte sie die so sehr erwünschte Ruhe. Sie stand alleine mitten auf der Brücke und starrte zu den Dächern und Kuppeln der Stadt hinauf. Die Straßenlaternen leuchteten und ließen den Schnee noch weißer erscheinen. Die stummen Figuren schienen ihr Leid zu kennen und sie zu verstehen. Sie hielt die Tränen zurück und lächelte. Hatte sie es geschafft? Hatte sie ihn, der einer anderen versprochen war, ihn, der ein doppeltes Spiel gespielt hatte und der die Meinung seiner Eltern über seine eigene stellte, hatte sie ihn endlich überwunden? In diesen Gedanken versunken drehte sie sich um und blickte auf den knirschenden Schnee unter ihren Stiefeln. Als sie die Füße eines anderen erkannte hob sie augenblicklich den Kopf, um dem Touristen aus dem Weg zu gehen. Aber es war kein Tourist. Es war er.

Eine unkontrollierte Wärme breitete sich in ihrem Körper aus, ihre Hände begannen zu zittern und es verschlug ihr die Sprache, während ihr Blick an ihm festzukleben schien. Unfähig wegzusehen, starrte sie in diese geheimnisvollen Augen. Was tat er hier? Was tat er ausgerechnet in diesem Land, in dieser Stadt, zu dieser Zeit, auf dieser Brücke? Wie konnte man nur so viel Pech im Leben haben, um genau der Person, vor der man auf der Flucht war, in die Arme zu laufen?

Er hingegen war erfreut darüber. Sein Lächeln war leicht und verspielt. Anscheinend verspürte er nicht den geringsten Anteil vom Kummer und Schmerz, den sie tapfer und schweigend ertrug. Wo war seine Verlobte? Waren sie mit beiden Familien hierhergekommen, um einen der märchenhaften Bälle zu besuchen, zu den solche feinen Menschen gingen, zu dessen Elite sie selbst nie dazugehören würde? Ein letztes Mal sammelte sie alle Kraft die sie hatte, drehte sich von ihm weg und ging davon. Wie ein Kind lief sie auf wackeligen Beinen und fürchtete sich, auf diesem weißen Überzug auszurutschen. Eine Hand, sie erkannte anhand des Griffes, dass es seine war, stoppte sie aber. Sie vermied jeglichen Augenkontakt und drehte jedes Mal den Kopf von ihm weg, während er veruchte, ihren Blick einzufangen.

Sie war am Ende. Sie konnte ihm nicht entkommen.

In seiner Umarmung fielen ihr plötzlich die Worte von Bukowski ein, den sie auf der Zugfahrt gelesen hatte. „Finde was du liebst und lass es dich töten.“ Vielleicht war das der einzige Weg für sie. Nicht mehr wegzurennen, sondern sich auf seine Spielchen einzulassen.

„Die Geister die ich rief…“

In meinem Fall ist es ein Geist, der mir solch eine Qual bereitet. Man könnte mir unbedachtes Handeln und Naivität vorwerfen. „Lasse keinen ins Herz, vor dem du die Haustüre verschließen würdest.“ Was ja auch logisch ist, nicht? Aber woher hätte ich denn ahnen können, dass er zu einem Poltergeist mutiert?

Wie alle Geister treibt auch er sein Unwesen in einem mittlerweile zerfallenen Ort. Dort, wo meine Seele haust. So ist das mit ihnen. In diesen Ruinen verweilen sie auf unbestimmte Zeit. Er ist zu einem solchen Geist geworden. Wenn ich die Augen ganz fest schließe kann ich sehen, wie er mit seinem wunderschönen Gesicht, doch mit einer verrückten Grimasse, auf mich zuschwebt und dabei höhnisch lacht. Die Erinnerung an uns ist furchteinflößender als alle Geister dieser Welt. Furchtbar deshalb, weil es mich quält und ihn mein Pein amüsiert. Aus diesem Grund  besucht er mich bei Tag und Nacht. Ein Geist kennt keine Empathie, hat keine Moral und schon gar kein Mitleid mit seinem Opfer.

Nun ist es über drei Jahre her, und ich werd´ meinen teuflischen Geist einfach nicht los. Ob ich es jemals schaffe, diesen ungebetenen Gast wieder zu vertreiben? Ich fürchte mich davor, dass neue Gespenster dazukommen und sich diesem dazugesellen. Dann hätte ich ein richtig großes Geister-Problem.

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Mondgeheimnisse

Es war kurz nach Mitternacht. Der Mond war übermäßig groß und leuchtete schummrig am dunklen Nachthimmel. Ein Mann, eingehüllt in einen schwarzen Umhang, ritt auf einem Pferd durch die Landschaft. Obwohl er schnell unterwegs war und der Wind seinen Mantel wie einen Vorhang wehte, saß sein runder Hut fest und verdeckte sein Gesicht. Auf einem Hügel angekommen, brachte er sein wildes Tier zum Stehen und stieg herab. Immer noch versteckte er sein Gesicht und schlich sich zur kleinen Holzhütte, durch dessen Fenster warmes Licht entkam. Ohne anzuklopfen riss er die Türe auf und trat hinein.

Eine dünne Frau, Mitte vierzig, mit langen grauen Haaren, stand im Zimmer und starrte erschrocken den Besucher an. Ihr schlichtes Kleid war aus grauer Baumwolle und um ihren Hals hing ein herzförmiges Amulett. Als sie den ersten Schock überwunden hatte, drehte sie dem Unbekannten ihren Rücken zu und kniete sich nieder, um ein paar Holzstücke in den offenen Kamin zu werfen. Schweigend schloss der Mann in der Zwischenzeit die Türe, legte seinen Hut und seinen Mantel ab und setzte sich zu Tisch. Die Frau blieb für einen Augenblick dem Feuer zugewandt um ihr Lächeln zu verbergen, das ihr müdes Gesicht nun schmückte. Das Kaminfeuer spiegelte sich in ihren wässrigen Augen wider. Doch nur sie beide kannten das Geheimnis der ewig lodernden Flammen in ihren Fenstern der Seele, welche seit über zwanzig Jahren unauslöschlich brannten. Nachdem sie Mut gefasst hatte, erhob sie sich und goss dem Besucher unaufgefordert Tee ein. Er hatte ein Buch aufgeschlagen und las die ersten Sätze laut vor. Sie hörte ihm keine Sekunde lang zu sondern studierte schweigend sein Gesicht.  Es war gebräunt, während die Haare und sein Bart schneeweiß waren. Er sah anders aus. Aber als sein Blick auf ihren traf, war plötzlich nichts mehr anders. Als wären keine Jahre vergangen, in denen sie jeglichen Kontakt verloren hatten. Ihre Augen erkannten dasselbe Feuer in seinen, die ebenfalls nicht erloschen waren und konnten sich an der Gesellschaft des anderen nicht sattsehen.

„Du hast ein Buch geschrieben“, stellte er mit Funkeln in seinem müden Blick fest.

„Das habe ich“, bestätigte sie.

Er klappte das Buch zusammen und betrachtete es kurz.

„Du hast über uns geschrieben.“

Sie lächelte und nickte mit dem Kopf. Immer noch war sie warmherzig und voller Liebe.

Der Mann holte tief Luft um etwas zu sagen, doch im letzten Moment verstummte er. In seinen Augen waren Tränen und nur eine riss sich los und glänzte auf seiner Wange.

„Psst“, tröstete sie ihn und breitete ihre Arme aus, „sage nichts.“

Wie ein Kind stürzte sich der Sechzigjährige in die Arme der Frau. Sie hielten sich lang und fest, bis beide genug Kraft gesammelt hatten, um wieder voneinander Abschied zu nehmen.

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changing weather

Wir verliebten uns im Winter, dem kältesten Winter seit eh und je. Die Winde peitschten durch die leeren Gassen der Stadt. Jede unverdeckte Hautpartie wurde sofort rot und tat weh vom Frost. Das Gesicht spannte und die Augenlider fühlten sich eiskalt an. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln und die weißen Flocken, die vom blauen Himmel fielen, glitzerten in kalten Sonnenstrahlen. Wie gesagt, eine Kaltfront überfiel die Stadt über Nacht. Nur ich spürte nichts davon. Für mich wird das der wärmste Winter meines Lebens bleiben. Mich wärmte eine innere Sonne, die nur ich sehen konnte und die nur für mich allein schien. Ich war verliebt.

Mein Mann war eine Art persönliche Sonne, die nur für mich strahlte und nur mich mit einer Energie versorgte, die mir seltsam aber angenehm vorkam. Noch nie hatte ich solch eine Hitze gespürt, solche Flammen entfachen lassen und solch eine Glückseligkeit empfunden, die jedes Atom meines Körpers zum Rütteln brachte. Er brachte alles zum Beben.

Aber wie das so ist mit dem Wetter, trat nach dem Winter der Sommer ein. Ohne Vorwarnung und ohne die Übergangsperiode, die wir Frühling nennen, kam der heißeste Sommer aller Zeiten. Von einem Extrem zum anderen. Die gleiche Sonne ließ nun glühende Lichtstrahlen über die Stadt herab und die Menschen versteckten sich nun vor der Hitze. Nur ich empfand erneut das Gegenteil. Vor lauter Beben hatte ich die Einsturzgefahr völlig außer Acht gelassen. Mein Mann entschied sich, aus meinem Leben zu verschwinden und meine Sonne ging mit ihm. Bei 38 Grad draußen empfand ich nichts außer Kälte. Eine aggressive und wilde Kälte, wie ich sie mir in Sibirien vorstellte, wütete in meinem Körper. Das, was im letzten Winter die anderen geplagt hatte, war nun in meinem Herzen. Schweigend biss ich die Zähne zusammen und fror. Immer wieder verkrampfte sich das arme Herz vor Winden, die ihn peitschten und die Wunden aufs neue aufrissen. „Gehe raus, genieße den sonnigen Tag!“, riet man mir. Aber keiner wusste, dass dieses Eis in mir trotz der Hitzewelle nicht schmolz, und dass keine Sonne diese wütenden Winde vertreiben konnte. Es blieb mir nichts anderes übrig als auf den nächsten Wetterumbruch zu hoffen.

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Das Monster

Aus Stunden wurden Tage, aus Tagen Monate. Fünf Monate, genau genommen. So lange habe ich gebraucht, um seine Entscheidung endgültig zu akzeptieren.

Die Wunde, die er hinterließ, begann nur sehr langsam zu heilen. Wichtig war es aber, dass ich überhaupt genesen konnte. Das wuschelige, haarige Ungeheuer, das mich monatelang gequält und verängstigt hatte, kam endlich zur Ruhe und verkroch sich irgendwo in einem Loch im Herzen, das er mir ebenfalls hinterlassen hatte. Ich weiß selbst nicht wie und warum, wahrscheinlich wird es die Zeit gewesen sein, in der ich mich an meine Narben und mein Monster gewöhnen musste, aber nach all diesen aussichtslosen Tagen, durchgeweinten Nächten und  vorgetäuschten Lächeln fand ich mich endlich damit ab, dass mich der Mann meiner Träume für immer verlassen hatte.

In einer heißen Sommernacht saß ich auf der Terrasse und starrte den dunklen Himmel an. Sterne funkelten und zwinkerten mir Mut zu. Umgeben von einer Stille, die nur durch  das Zirpen der Heuschrecken unterbrochen wurde, schwieg ich und lächelte.  In diesem Moment ließ ich ihn bewusst los. Alles was geschehen war, alles was ich gefühlt und gesehen hatte, erklärte ich für Vergangenheit. Alles, was wir erlebt hatten, schloss ich wie ein Bilderbuch zusammen und legte es zur Seite. Eine schöne, verträumte Vergangenheit verband uns, die nie eine Chance hatte – das waren wir, mehr nicht. Ich saß da und sein Monster, das er mir wie ein Haustier zurückgelassen hatte, gesellte sich zu mir und starrte ebenfalls zum Himmel hinauf. Ab diesem Zeitpunkt wurden das Monster und ich Freunde, und die Erinnerung an Früher suchte mich nur selten auf. Und wenn sie es tat, lächelte ich das Monster an und verstand nicht, warum ich mich vor der kuscheligen, lieb schauenden Kreatur gefürchtet hatte. Schließlich war es mein eigenes Monster, das er zum Leben erweckt hatte.

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