Garden of Evil

Kapitel 1

Die Hälfte unseres Lebens verbringen wir im Schlaf. Einen Teil erleben wir bewusst, und den anderen unbewusst. Wenn der Verstand sich eine Pause gönnt, übernehmen Gefühle, Bedürfnisse und geheime Verlangen das Ruder und steuern uns durch die Phantasiewelten. Obwohl ein Mensch im Durchschnitt circa vier bis sechs Träume pro Nacht hat, erinnert er sich nicht an alle. Manche unserer Phantasievorstellungen sind derart intensiv, dass der Körper sie als wahr erlebt und wir uns an sie erinnern. Darüber, ob das Geträumte geheime Botschaften enthält und gedeutet werden kann oder ob es sich nur um eine Ansammlung skurriler Absurditäten handelt, mittels derer wir das Erlebte verarbeiten, ist umstritten.

Hätte Haley Heart vor dem Schlafengehen nicht den Traumdeuter von Tante Betsy aus reiner Neugier durchgeblättert, hätte sie sich wahrscheinlich nicht viele Gedanken über ihren Traum gemacht. Schließlich war Haley nur eine Neunzehnjährige, die dem Leben keine besonders magischen Werte beimaß. Sie hatte von einem Labyrinth mit großen Hecken geträumt, durch die sich ein schmaler Pfad schlängelte.

Barfuß stieg sie über die weißen Kieselsteine. Ihr bodenlanges Kleid war ebenfalls weiß und schleifte am Boden. Die Hecke war zurechtgestutzt und seltsamerweise blühten rote Rosen durch die grünen Blätter. Haley spazierte mit einem breiten Grinsen durch den Irrgarten, ließ ihre Hände entlang der riesigen Wände gleiten und inhalierte den Rosenduft, der sich in der Luft des milden Sonnentages verbreitete. Die leichte Windbrise wehte ihr langes, braunes Haar nach hinten und sie begann verspielt zu laufen. Sie fühlte sich glücklich und lief wie ein Kind. Das Ziel, aus dem Labyrinth zu entkommen war ihr nicht im Sinne. Als sie dann um die Ecke abbog, blieb sie abrupt stehen.  Mitten am Kiesweg stand breitfüßig ein junger Mann, den sie zu kennen schien. Sein Gesichtsausdruck blieb ernst während sie ihm mit offenen Armen entgegenlief. Das starke Gefühl ihn zu kennen ließ Haleys Herz auch im Schlaf schneller schlagen. Doch je näher sie ihm kam desto schlechter wurde das Wetter. Mit einem Mal türmten sich massige, dunkle Wolken über den Irrgarten aufeinander. Der bisher milde Wind wehte stärker und deutlich aggressiver, sodass die Hecken zu rütteln begannen. Haley vernahm eine seltsame Ruhe, die sich meist vor großen Stürmen zeigte und ihre Laune wurde demenentsprechend besorgter.

„Warum ist er nur so ruhig, wo sich offensichtlich ein heftiger Sturm anbahnt?“, fragte sie sich. Trotzdem ging sie weiter auf ihn zu. Reflexartig zog sie ihren rechten Arm zu sich, als sie etwas aus der Hecke stach. Die rechten Finger bluteten. Verängstigt drehte sie sich zurück und erkannte mit Schrecken den Weg nicht wieder. Die Hecken waren ausgetrocknet, die Rosen verwelkt und abgefallen. Die am Boden liegenden Blätter waren braun geworden und wirbelten im Wind, der mit ihren Haaren das gleiche versuchte und ihr am Ohr leise pfiff. Der junge Mann im schwarzen Anzug blieb weiterhin entspannt stehen, doch jetzt konnte sie sein Gesicht nicht mehr sehen. Eine Dunkle Wolke hatte sich über ihn gestellt und verdeckte seien Kopf.

„Oh nein!“, rief sie und rannte weiter auf ihn zu. Obwohl sich ihre Füße wie Blei anfühlten, erreichte sie ihn. Als sie seine Hand ergriff schlug ein Blitz ein und riss sie aus dem Traum.

Verschwitzt und mit einem Vogelnest als Frisur saß Haley im Bett und rang nach Atem. Es war lange her, dass sie einen derart absurden Alptraum gehabt hatte. Immer noch etwas gestresst zog sie ihr Kissen hoch, machte das Licht am Nachtkästchen an und lehnte sich zurück. Der Anblick ihres Zimmers half ihr, wieder zu sich zu kommen. Der Gedanke daran, dass ihre Eltern im anderen Zimmer schliefen und sie nicht alleine war, ließ sie schlussendlich zur Ruhe kommen. Es war nichts weiter als ein Traum, eine Projizierung ihrer Ängste und die Verarbeitung ihrer Eindrücke und Informationen, die sie unbewusst im Laufe des Tages aufgeschnappt hatte. Da sie mitten im Träumen aufgewacht war, erinnerte sie sich noch an jedes kleine Detail, ausgenommen das Gesicht des Mannes, den sie retten wollte. Warum wollte sie ihm unbedingt helfen, fragte sie sich und zog ihre Augenbrauen zusammen, unter denen große braune Augen nachdenklich zur Decke hinauf blickten. Wieso war sie nicht davongelaufen um sich selbst zu retten? Warum hatte sie sich dermaßen gefreut, ihn zu sehen?  Sie ärgerte sich über die Sinnlosigkeit dieser Träume, die nichts außer Verwirrung und Schrecken bereiteten. Als ob das Leben ohnehin nicht mühsam genug war, mussten irgendwelche Hirngespinste ihr den Schlaf rauben. Und das alles eine Nacht vor der großen Reise.

Haley schaute zur Uhr am Nachtkästchen, dessen rote Ziffern drei Uhr morgens anzeigten. Der Traum hatte sie wachgerüttelt und es war unmöglich, wieder einzuschlafen. Neugierig starrte sie den antiken Traumdeuter unter der Uhr an. Tante Betsy hatte schon immer ein Faible für Spirituelles gehabt. Wie es aussieht glaubte sie immer noch, dass Träume uns auf die bevorstehenden Ereignisse vorbereiteten. Haleys Mutter hatte beim Aufräumen des Kellers den alten Traumdeuter ihrer Schwester Betsy gefunden, den ihr Haley bringen sollte.

Haleys Mutter erzählte, dass ihre Schwester Betsy in ihren jungen Jahren Tarotkarten ausgelegt und mit ihren Freundinnen die Geister nach ihren Liebesangelegenheiten befragt hatte. Eine glückliche Zukunft wurde ihr vorhergesagt und eine große, glückliche Familie. Leider traf genau das Gegenteil ein. Tante Betsy war fünfundvierzig Jahre alt, noch ledig und lebte in verarmten Verhältnissen. Sie hatte weder Freunde, noch Haustiere. Obwohl sie ein guter und fürsorglicher Mensch war, hatte sie keinen gefunden, mit dem sie ihre Freuden, aber auch ihre Sorgen teilen konnte. Nun wurde sie auch noch krank und hatte mit es mit rheumatischer Arthritis zu tun. Von zu viel Arbeit schwollen ihre Gelenke an und manchmal halfen auch die Schmerzpillen nicht, die sie schon über einen längeren Zeitraum einnehmen musste.

Haley mochte ihre Tante Betsy. Sie hatte sich immer korrekt ihrer Nichte gegenüber gezeigt und hatte ihr Kleider und andere Geschenke zukommen lassen. Zu jedem Geburtstag hatte die Tante sie als erste angerufen und ihr nur das Beste gewünscht. Und sie war auch die einzige gewesen, die Haley ständig zum Singen ermutigte. Sie war jung und die Welt stand ihr offen, hatte sie mehrmals wiederholt. Aus diesem Grund schon fühlte Haley sich verpflichtet, ihrer Tante in schwierigen Zeiten unter die Arme zu greifen. Da es Sommer war und Haleys Freundinnen Großteils verreist waren, langweilte sie sich im Haus und wusste nicht recht, was sie mit sich anfangen sollte. Um der Langeweile zu entkommen hatte sie spontan beschlossen, für zwei Monate nach Compton zu Tante Betsy zu fliegen. In der kleinen Stadt in der Nähe von Los Angeles könnte sie neue Menschen treffen, die neue Umgebung genießen und ihre Tante noch besser kennenlernen. Das alles würde sicherlich Haleys Inspiration wieder anregen. Es war Monate her, dass sie ein Lied selbst verfasst und gesungen hatte. Vielleicht könnte sie ihrer Tante vorsingen und ihr die bisher geschriebenen Lieder zeigen. Wer weiß, vielleicht würde sie sich trauen vor einem Publikum eines ihrer selbst komponierten Lieder vorzusingen? Eine verrückte Vorstellung war das! Doch wenn es auch nur einen Menschen gab, den ihr Gesang oder ihr Lied rühren konnte, dann hatte sie ihr Ziel erreicht. Diesen einen Moment brauchte sie, um das Eis zu brechen und sich nicht mehr zu schämen für ihre Kompositionen. Die bevorstehende Reise stellte sie sich als eine aufregende Zeit vor. Sie erhoffte sich zwei Dinge, die sich nach diesen zwei Monaten verändern sollten. Das erste Ziel war es, mutiger zu werden und sich zu einer dieser fabulösen Frauen entwickeln, die sich trauen ihrem Herzen zu folgen. Die zweite Zielvorstellung ging aus der ersten hervor, nämlich, dass sie ihrer Mutter die Stirn bot und ihrem Traum von einer professionellen Gesangskarriere näher kam. Sie schämte sich nicht vor Publikum aufzutreten und war überzeugt von ihrer Stimme. Sogar in der Schule hatte sie mehrmals vor Theateraufführungen und bei schulischen Veranstaltungen gesungen, und wurde mit langem Applaus verabschiedet. Das ließ die Mutter noch durchgehen, da es im pädagogischen Rahmen war. Nun aber, wo sie in einem Café oder im Keller von Freunden singen sollte, wurde das Singen als ein unsinniger Zeitvertreib seitens ihrer Mutter eingestuft und somit als eine nicht gern gesehene Beschäftigung deklariert. Bei diesen Gedanken verdrehte Haley die Augen. Sie war neunzehn und ließ sich immer noch von ihrer Mutter vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben hatte. Das nervte und quälte sie, doch sie brachte es nicht übers Herz, sich deshalb undankbar und respektlos ihr gegenüber zu verhalten.

Die Gedanken schweiften ab, so auch der Schlaf. Noch immer lag sie hellwach im Bett. Aus Neugier griff sie nach dem Traumdeuter und blätterte lustlos durch die Buchseiten. Schlagwörter waren nach dem Alphabet geordnet und die Blätter waren dünn, sodass die Buchstaben auf das Blatt gestanzt wurden. Plötzlich las Haley „Irrgarten“, und ihre Neugier stieg mit einem Male. Aufmerksam las sie den kurzen Satz vor.

„Irrgarten, arabische Auslegung: Man will dich täuschen.“

Belächelnd schüttelte sie ihren Kopf und blätterte weiter. Eine derart vage Äußerung konnte auf alles und jeden zutreffen. Dann fand sie das nächste Schlagwort, welches ihn ihrem Traum vorkam und als ein Symbol gedeutet werden konnte.

„Sturm: turbulente Veränderung; Zeiten großer Aufregung stehen bevor.“

Gerade als sie das kleine Antikbuch zuschlagen wollte, stand da noch ein Wort, welches sie nicht ignorieren konnte. Weiß. Das war die Farbe des Kleides, welches sie trug.

„ – arab. : Unschuld, aber auch verborgene Trauer.“

Lächelnd gab Haley den Traumdeuter beiseite und legte sich wieder ins Bett.

„Das letzte könnte durchaus zutreffen.“, stimmte sie insgeheim zu. Sie führte ein glückliches Leben. Als ein Einzelkind hatte es ihr nie an etwas gefehlt. Beide Elternteile waren erfolgreiche Menschen, die für ihr Kind nur das Beste wollten: die beste schulische Ausbildung, das beste Essen, die besten Räumlichkeiten. Im Gegenzug erwarteten sie aber im gleichen Maße eine vorbildliche Tochter, die nur mit besten Freunden ihre Zeit verbrachte, die besten Noten bekam und die ein tadelloses Verhalten an den Tag legte. So sehr Haley ihren Eltern dankbar für alles war, konnte sie nicht umhin als ehrlich zu sich selbst zu sein. Manchmal, wenn sie genau über sich selbst und ihre Situation nachdachte, und das tat sie oft, fühlte sie sich wie ein Vogel, gefangen in einem Käfig. Dass der Käfig aus Gold und Diamanten war, spielte keine Rolle, denn der Zweck blieb der gleiche: sie aufzubewahren und oberflächlich bewundern zu lassen. Jedes Mal folgte auf diesen Gedanken Trauer, den sie zu verbergen versuchte. In vielerlei Hinsicht hatte sie auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen können, nur nicht, wenn es um das Singen ging. Hier, wo Haleys größte Leidenschaft entsprang, endete ihr Verständnis. Der Vater war in der Immobilienbranche tätig und verbrachte nur das Frühstück zu Hause. Aber auch dann war er abwesend und gab nur kurze Kommentare von sich. Haleys Mutter war eine erfolgreiche Anwältin, die eine Vorliebe für Designerkostüme und jegliche Art von Machtausübung hatte. Sie war eine starke Frau und musste das mit ihrer etwas arroganten Art, es jedem unter die Nase reiben. Sie selbst war die klügste und mächtigste Frau, an der sich die jungen Mädchen ein Vorbild nehmen sollten, und nicht an Sängerinnen oder Schauspielerinnen, die nichts weiter als Frauen labiler Moral waren. Dass ihre eigene Tochter Sängerin werden sollte, kam nicht in Frage. Sie müsste nicht den gleichen Weg wie ihre Mutter gehen, aber eine Ausbildung und ein Titel mussten drin sein. Immerhin war sie ihre Tochter und musste ein ähnliches Denken haben wie sie. Haley teilte nicht die Meinung ihrer Mutter, vermied aber jegliche Konfrontation mit ihr auf diesem Gebiet. Ihre Sturheit war etwas, womit auch Haleys Vater zu kämpfen hatte. Mit diesen Gedanken schlief Haley wieder ein und wurde nach vier Stunden wieder geweckt. Der Wecker klingelte und alsbald sie die Augen öffnete wusste sie, dass der Tag der Abreise gekommen war. Nach dem Frühstück würde sie in den Flieger steigen und nach fünf Stunden und fünfzig Minuten würde sie in Kalifornien landen. Eine anstrengende Reise erwarte sie, die aber ganz bestimmt eine aufregende und unvergessliche Zeit mit sich brachte.