Allgemein, Aus dem Tagebuch einer Liebenden

Bargespräche

 

An diesem Nachmittag hatte ich einen Streit mit meiner Frau. Eigentlich hasse ich es, wenn wir uns streiten. Aber nach über dreißig Jahren Ehe weiß ich auch, dass Meinungsverschiedenheiten dazugehören und dass sie mich mit ihrer Sturheit zur Weißglut treiben kann. Also beschließe ich ganz allein ins Kabarett zu gehen. Doch nicht die darstellende Kunst half mir zu erkennen, was für ein Glückspilz ich eigentlich war, sondern das Gespräch mit einer jungen Frau, die glatt meine Tochter sein könnte.

Nach der Vorstellung beschloss ich in die Bar nebenan zu gehen und mir einen Drink zu gönnen. Auf den ersten Blick war ich fasziniert von den kleinen aber gemütlichen Räumlichkeiten, die fast heimelig wirkten. Natürlich war das Licht gedimmt und bunte Scheinwerfer erhellten die noch leere Tanzfläche. Der Geruch vom alten Holz und Zigarren schwebte in der Luft und auch die roten Samtwände verströmten einen eigenen, nicht unangenehmen aber recht spezifischen Duft. Der große, mit Diamanten besetzte Lüster pendelte hin und her. Ich versuchte mich, so unauffällig es ging, an die Theke zu setzen. Obwohl ich finde, dass ich  für mein Alter  gar nicht so übel  aussehe, fühlte ich mich fehl am Platz. Die cremefarbene Hose mit Bügelfalte und mein hellblaues Hemd – ich weiß, eine Kombination, die nach Senioren und Altersheim schreit – erlaubten mir nicht, unauffällig meinen Whiskey zu genießen. Etwas nervös   trank ich mein Getränk und beobachtete die anderen Gäste um mich herum,  die zur Musik aus den 50er Jahren tanzten. Ich erinnerte mich an meine Jugend und  musste wie verrückt grinsen. Es war die beste Zeit meines Lebens. Die Zeit, in der ich meine Frau kennengelernt habe und es nie bereut habe. Nicht einmal nach unserem Streit.

Und dann, als ich die jungen Menschen lange genug beobachtet hatte, fiel mir auf,  dass keiner von ihnen wirklich glücklich war. Sie lachten ohne Funken in den Augen, sie tanzten energielos und sprachen ohne jegliche Begeisterung. Hinter diesen lächelnden Masken versteckten sich arme, traurige Gesichter, die die anderen oder womöglich auch sich selbst vom Gegenteil überzeugen wollten. „Was war mit der heutigen Jugend nur los?“, fragte ich mich. Diese fast zombiehafte Stimmung erschrak mich mehr als die dramatischen Schlagzeilen in den Zeitungen.

In diesem Augenblick kam ein junges Fräulein an die Bar, um sich einen Cocktail zu bestellen. Sie war mir aufgefallen, weil sie den melancholischen Blick in ihren Augen nicht verstecken konnte. Ohne viel zu überlegen, sprach ich sie an.

„Entschuldige bitte“, versuchte ich höflich ein Gespräch anzufangen. Ich wollte nicht den falschen Eindruck erwecken, aber sie lächelte entspannt und blickte mich mit einem respektvollen und höflichen Blick an, den man für gewöhnlich älteren Personen entgegenbringt. „Dürfte ich Sie etwas fragen?“ Zu meiner Überraschung nickte sie und nahm ihren Cocktail in die Hand. Neugierig starrte sie mich an.

„Sie scheinen mir wie jemand, der lieber woanders wäre als hier. Woran liegt das?“

Fast etwas verschämt blickte sie zu Boden und überlegte kurz, ob sie auf meine Frage antworten sollte. Dann sprach sie: „Das liegt daran, dass ich tatsächlich lieber zu Hause wäre, um in aller Ruhe mein Buch zu lesen.“

„Gefällt es Ihnen denn nicht hier?“ Ich wollte unbedingt wissen, was in ihr vorging.

„Doch, doch! Die Location ist super, die Musik ist fabelhaft und die Getränke sind gut gemixt. Ich bin mit meinen Freunden hier und es ist eigentlich ein toller Abend.“

„Eigentlich…“, hob ich hervor. Ich spürte, dass da noch mehr war, was sie mir nicht  sagen wollte. Doch durch den Alkohol beeinflusst, sprach sie weiter.

„Waren sie jemals verliebt? Ich meine, so richtig, ohne jegliche Begründung und ohne nachzuvollziehen, warum ausgerechnet diese eine Person, und nur diese eine Person, sie glücklich machen kann?“

Sofort nickte ich. „Ja. Ich habe sie vor fast vierzig Jahren geheiratet.“

Sie lächelte. „Das freut mich für Sie, wirklich.“

Ich wartete in der Hoffnung, dass sie weiter erzählte. Ihre Augen glänzten.

„Wissen Sie, ich habe so jemanden verloren, wahrscheinlich für immer. In meinem Herzen hat er ein Loch hinterlassen und egal wohin ich gehe, die Leere folgt mir wie ein Schatten. Und jeder hier, inklusive meinen Freunden da drüben“, sagte sie und deutete auf ein Grüppchen auf der Tanzfläche, „jeder von ihnen versucht seine eigene Leere auf dieselbe Weise zu füllen: Mit lauter Musik, Alkohol, vielleicht neuen Bekanntschaften für eine Nacht… Aber am Ende sind wir alle einsamer als wir es zugeben wollen.“

Ihre Offenheit und Ehrlichkeit überraschte und erschrak mich zugleich. Warum war ich mit meinen sechzig Jahren, mit einem Bandscheibenvorfall und meinem schlechten Gehör so viel glücklicher als diese jungen Menschen, die noch so viel vor sich hatten? Herr im Himmel, sie hatten doch alles: Schönheit, Gesundheit, die neuersten Telefone, die modernsten Kleidungsstücke, die schnellsten Autos und konnten um die Welt reisen!

„Einen schönen Abend noch“, sagte das junge Mädchen und ging zu ihren Freunden. Nachdenklich blickte ich ihr hinterher. Sie hatten alles, aber ihnen fehlte das Wichtigste, sozusagen die Essenz des Lebens: Die Liebe, sie war der Schlüssel zum Glück.

Ich ließ mein Getränk stehen und eilte nach Hause. Ich hatte unseren Streit völlig vergessen und freute mich auf die Umarmung meiner Frau, die mir die ganze Welt bedeutete.

Ich habe mein Glück gefunden und hoffe, dass diese jungen Menschen es eines Tages auch finden.

 

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Allgemein, bücher, harry potter

Über Harry Potter

Liebe J.K. Rowling!

Ich kann mich erinnern, dass er damals für Aufregung sorgte. Jeder las über den berühmten Zauberjungen und sah ihn auf der großen Leinwand. Nur ich nicht.

Die Jahre flogen dahin und ich wurde erwachsen. In meinem Leben lief es drunter und drüber. Es gab einen Zeitpunkt, an den ich mich nicht gerne erinnere. Ich war verloren. Es war das Fürchterlichste, was ich bisher erlebt hatte. Und dann traf ich Harry, den Jungen der überlebte.

In diesen, für mich dunklen Zeiten, begann ich Harry Potter zu lesen. Ich konnte nicht glauben, wie viel Licht und Freude dieser kleine Junge in mein Leben gebracht hatte. Ich sah ihn aufwachsen und entwickelte unwillkürlich Muttergefühle für ihn. Er war mein Harry und ich bangte mit ihm. Ich sah ihn aufwachsen, war mit Stolz erfüllt über seine Tapferkeit, sein gutmütiges Herz und seinem Durchhaltevermögen. Ich lachte mit ihm, ich weinte mit ihm. Als er dann schlussendlich seine eigene Familie gründete, ließ ich ihn wieder los. Mein Harry war erwachsen und ich wurde Großmama.

Eine unglaublich tolle Welt, in die Sie uns eintauchen lassen. Diese Welt hatte mich damals aus meiner befreit.

Mittlerweile bin ich selbst Mutter. Letzte Woche war ich mit meinem zehnjährigen Sohn in der Buchhandlung. Zufällig sind mir die Bücher aufgefallen und ich dachte mir, dass es an der Zeit wäre, ihm die magische Welt zu zeigen. Seitdem läuft er mit dem ersten Band durchs Haus und liest wo er kann. Vor dem Schlafen gehen höre ich ihn lachen und am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt er uns gespannt, was im Buch so alles passiert.

Ich könnte nicht glücklicher sein. Danke J.K. Rowling, vom ganzen Herzen! Sie haben Großartiges geleistet.

 

Hochachtungsvoll,

eine ehrliche Mutter

 

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