Aus dem Tagebuch einer Liebenden

changing weather

Wir verliebten uns im Winter, dem kältesten Winter seit eh und je. Die Winde peitschten durch die leeren Gassen der Stadt. Jede unverdeckte Hautpartie wurde sofort rot und tat weh vom Frost. Das Gesicht spannte und die Augenlider fühlten sich eiskalt an. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln und die weißen Flocken, die vom blauen Himmel fielen, glitzerten in kalten Sonnenstrahlen. Wie gesagt, eine Kaltfront überfiel die Stadt über Nacht. Nur ich spürte nichts davon. Für mich wird das der wärmste Winter meines Lebens bleiben. Mich wärmte eine innere Sonne, die nur ich sehen konnte, und die nur für mich allein schien. Ich war verliebt.

Mein Mann war eine Art persönliche Sonne, die nur für mich strahlte und nur mich mit einer Energie versorgte, die mir seltsam aber angenehm vorkam. Noch nie hatte ich solch eine Hitze gespürt, solche Flammen entfachen lassen und solch eine Glückseligkeit empfunden, die jedes Atom meines Körpers zum Rütteln brachte. Er brachte alles zum Beben.

Aber wie das so ist mit dem Wetter, trat nach dem Winter der Sommer ein. Ohne Vorwarnung und ohne die Übergangsperiode, die wir Frühling nennen, kam der heißeste Sommer aller Zeiten. Von einem Extrem zum anderen. Die gleiche Sonne ließ nun verbrühende Lichtstrahlen über die Stadt herab, und die Menschen versteckten sich nun vor der Hitze. Nur ich empfand erneut das Gegenteil. Vor lauter Beben hatte ich die Einsturzgefahr völlig außer Acht gelassen. Mein Mann entschied sich, aus meinem Leben zu verschwinden, und meine Sonne ging mit ihm. Bei 38 Grad draußen empfand ich nichts außer Kälte. Eine aggressive und wilde Kälte, wie ich sie mir in Sibirien vorstellte, wütete in meinem Körper. Das, was im letzten Winter die anderen geplagt hatte, war nun in meinem Herzen. Schweigend biss ich die Zähne zusammen und fror. Immer wieder verkrampfte sich das arme Herz vor Winden, die ihn peitschten und die Wunden aufs neue aufrissen. „Gehe raus, genieße den sonnigen Tag!“, riet man mir. Aber keiner wusste, dass dieses Eis in mir trotz der Hitzewelle nicht schmolz, und dass keine Sonne diese wütenden Winde vertreiben konnte. Es blieb mir nichts anderes übrig als auf den nächsten Wetterumbruch zu hoffen.

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