Allgemein, Aus dem Tagebuch einer Liebenden

summer lovin´

Dieser Sommer hatte scheußlich begonnen. In den heißesten Monaten des Jahres, auch Sommerferien genannt, hatte eine Siebzehnjährige wirklich Besseres zu tun als ungeduldige Menschen zu bedienen und Tische zu putzen. Leider ließ sich mein Praktikum nicht länger aufschieben und auch ich musste Erfahrungen sammeln, um die bevorstehende Serviceprüfung am Ende des Jahres positiv abzuschließen. Mein Problem war es nur, dass ich fast alles an diesem Praktikum hasste: Die Arbeitszeit, die am späten Nachmittag anfing und bis Mitternacht dauerte; Die oberflächlichen und arroganten Kollegen, die ich jeden Tag ertragen musste und die teilweise noch schlimmeren Gäste, die überheblich und präpotent waren.

Eines Tages wurde eine Hochzeit im Restaurant gefeiert. Mehr als hundert weiße Rosen wurden geliefert und in große Vasen verteilt. Es gab live Musik und einen Grillmeister, der für gefüllte Teller sorgte. Der Bräutigam rief mich zu ihm und bestand darauf, dass ich wie eine Dienerin an seiner Seite stand und den Aschenbecher hielt, während er gemütlich seine Zigarette rauchte und sich mit seinen Freunden amüsiert unterhielt. Ohne einen Kommentar abzugeben ließ ich den Anzugträger stehen und ging hinaus zur Donau, wo ich für mich sein konnte. Genervt betrachtete ich den Mond, dessen Spiegelbild an der Wasseroberfläche tanzte. Ich überlegte, ob ich das gläserne Schälchen ins Wasser oder doch dem Bräutigam an den Kopf werfen sollte.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, mischte ich mich unter die Gäste. Plötzlich erblickte ich den neuen Küchenpraktikanten, wie er den alten Grillmeister ablöse und statt ihm die Hähnchenspieße goldbraun wendete. Ohne nachzudenken stellte ich den Aschenbecher auf einen der Stehtische ab und ging zum Grillstand. Stefan, so hieß dieser äußerst sympathische und attraktive Typ, war über meine Gesellschaft erfreut. Wir unterhielten uns und meine schlechte Laune verschwand augenblicklich. Für einen Moment vergaß ich wo ich war. Ich sprach ihn auf seine Kochjacke an, denn die Knöpfte waren nicht rund und einfarbig, so wie ich es kannte, sondern hatten die Form von Lebensmitteln und Gebäck. Ich erkannte einen Croissant, einen Shrimp, eine Erdbeere, eine Zitrone… Unsere Unterhaltung fing bei seinen Knöpfen an und endete abrupt, als mir die oberste Kellnerin schmutzige Teller in die Hand drückte und mir mit ihrem strengen Blick zu verstehen gab, dass ich nicht für das Flirten bezahlt wurde.

Seit diesem Abend begann der Sommer erträglicher zu werden. Die Arbeit an sich hasste ich immer noch, nur ertrug ich alles viel leichter als am Anfang. Offene Getränke wurden auf Gäste ausgeschüttet, die Hauptspeisen aus den viel zu schweren und heißen Tellern landeten manchmal auf dem Boden und Saucen auf den teuren Jacketts der Businessmänner, doch nichts, absolut nichts konnte mein inneres Glück stören. Wegen Stefan schwebte ich auf Wolke Sieben und konnte an nichts anders mehr denken. Wir sahen uns jeden Tag, verbrachten unsere Pausen zusammen und nach jedem Treffen verliebte ich mich ein klein wenig mehr in ihn.

„Du siehst so anders aus“, kommentierte meine Chefin, während ich hinter der Bar aushalf.

„Ja, stimmt, etwas ist anders an ihr“, bemerkte auch der Barkeeper, der mich vom Kopf bis zum Fuß beäugte.

„Vielleicht sind es die Augenbrauen? Oder Rouge, hast du Rouge auf den Wangen?“, fragte die strenge Kellnerin in einem sanften Ton, was unheimlich wirkte.

„Nein, nichts davon“, war meine Antwort. Ich hatte wirklich nur Wimperntusche und ein wenig Lipgloss aufgetragen, was ich seit meinem ersten Tag schon trug aber bisher keiner bemerkt hatte.

„Komisch. Ich sehe doch, dass etwas anders ist“, wollte die Chefin nicht locker lassen. Mir wurde es langsam unangenehm, wie ein Tier im Zoo betrachtet und kommentiert zu werden.

„Geh schnell die Kerze beim Eingang anzünden!“, befahl die Kellnerin plötzlich, „Ich hatte es völlig vergessen! Die ersten Gäste sollten gleich kommen!“ Ein weiteres Event stand an, das jede Minute beginnen sollte. Natürlich ließ ich alles stehen und eilte zum Empfang, der an diesem Abend aber nicht benutzt wurde, denn die Veranstaltung war hauptsächlich auf der Terrasse und die Gäste kamen mit Booten über die Donau an.

„He! Was machst du da?“, fragte mich Stefan, der mit seiner Sporttasche hinter mir stand und mich angrinste. Ich spürte die plötzliche Wärme, die meine Wangen rot färbte. Von wegen Rouge. Ich war verliebt.

„Ich muss die Kerze anzünden, aber meine Streichhölzer…“, erklärte ich und tastete unter meiner schwarzen Schürze die Hostentaschen ab.

Kommentarlos händige er mir sein Zippo-Feuerzeug. Hastig griff ich danach und zum ersten Mal berührten sich unsere Hände. Plötzlich stand die Welt still! Sein fesselnder Blick hypnotisierte mich und ich konnte sehen, dass auch er es spürte, dieses magische Etwas, das zwischen uns entstand und ich es mir nicht erklären konnte. Ich war siebzehn und dachte die Menschheit und die Welt bis irgendwohin zu verstehen. Aber das,  was mir passierte, traf mich völlig unerwartet und unvorbereitet.

„Hörst du mir eigentlich zu?“, fragte Stefan und holte mich aus meiner Trance zurück. Anscheinend hatte er mir etwas erzählt, doch ich hörte nicht zu. Alles was ich sah waren seine leuchtend blauen Augen, die wegen seinem gebräunten Gesicht noch heller wirkten. Auf seinem linken Ohrläppchen trug er einen Diamantenohrring, der ab und zu funkelte und von seinem Lächeln ablenkte. Mir war aufgefallen, dass er unter seinem T-Shirt eine silberne Kette trug, aber  dass er mit mir sprach merkte ich nicht.

„Doch,  doch!“, log ich und tat so, als ob ich ihn gehört hätte. Ich wollte nicht, dass er mich für verrückt hielt und drehte mich schnell um, um die Kerze endlich anzuzünden. Anschließend übergab ich das Feuerzeug seinem rechtmäßigen Besitzer zurück. Dieses Mal war ich vorsichtiger und legte es langsam in seine Hand.

„Dann bis morgen“, verabschiedete er sich grinsend und ging. Da er kurze Hosen trug sah ich, dass seine rechte Wade mit drei chinesischen Zeichen tätowiert war. Was sie wohl bedeuteten?

„Bis morgen“, wiederholte ich seufzend.

„Die ersten Gäste sind schon da!“, schrie mich plötzlich die Kellnerin an und ich fuhr erschrocken zusammen. „Worauf wartest du? Los, los, los!“, piepste sie hektisch und drückte mir das Tablett mit Sektgläsern in die Hand.

Ich ließ die Kerze brennen und grinste beim Gedanken daran, dass  ich das Feuer mit seinem Feuerzug entzündet hatte. Was für ein verrückter Sommer! Ich hätte nie gedacht, dass so ein schrecklicher Anfang ein so süßes Ende haben könnte.

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