Aus dem Tagebuch einer Liebenden

„Die Geister die ich rief…“

In meinem Fall ist es ein Geist, der mir solch eine Qual bereitet. Man könnte mir unbedachtes Handeln und Naivität vorwerfen. „Lasse keinen ins Herz, vor dem du die Haustüre verschließen würdest.“ Was ja auch logisch ist, nicht? Aber woher hätte ich denn ahnen können, dass er zu einem Poltergeist mutiert?

Wie alle Geister treibt auch er sein Unwesen in einem mittlerweile zerfallenen Ort. Dort wo meine Seele haust. So ist das mit ihnen. In diesen Ruinen verweilen sie auf unbestimmte Zeit. Er ist zu einem solchen Geist geworden. Wenn ich die Augen ganz fest schließe kann ich sehen, wie er mit seinem wunderschönen Gesicht, doch mit einer verrückten Grimasse, auf mich zuschwebt und dabei höhnisch lacht. Die Erinnerung an uns ist furchteinflößender als alle Geister dieser Welt. Furchtbar deshalb, weil es mich quält und ihn mein Pein amüsiert. Aus diesem Grund  besucht er mich bei Tag und Nacht. Ein Geist kennt keine Empathie, hat keine Moral und schon gar kein Mitleid mit seinem Opfer.

Nun ist es über zwei Jahre her, und ich werd´ meinen teuflischen Geist einfach nicht los. Ob ich es jemals schaffe, diesen ungebetenen Gast wieder zu vertreiben? Ich fürchte mich davor, dass neue Gespenster dazukommen und sich diesem dazugesellen. Dann hätte ich ein richtig großes Geister-Problem.

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Allgemein

Mondgeheimnisse

Es war kurz nach Mitternacht. Der Mond war übermäßig groß und leuchtete schummrig am dunklen Nachthimmel. Ein Mann, eingehüllt in einen schwarzen Umhang, ritt auf einem Pferd durch die Landschaft. Obwohl er schnell unterwegs war und der Wind seinen Mantel wie einen Vorhang wehte, saß sein runder Hut fest und verdeckte sein Gesicht. Auf einem Hügel angekommen, brachte er sein wildes Tier zum Stehen und stieg herab. Immer noch versteckte er sein Gesicht und schlich sich zur kleinen Holzhütte, durch dessen Fenster warmes Licht entkam. Ohne anzuklopfen riss er die Türe auf und trat hinein.

Eine dünne Frau, Mitte vierzig, mit langen grauen Haaren, stand im Zimmer und starrte erschrocken den Besucher an. Ihr schlichtes Kleid war aus grauer Baumwolle und um ihren Hals hing ein herzförmiges Amulett. Als sie den ersten Schock überwunden hatte, drehte sie dem Unbekannten ihren Rücken zu und kniete sich nieder, um ein paar Holzstücke in den offenen Kamin zu werfen. Schweigend schloss der Mann in der Zwischenzeit die Türe, legte seinen Hut und seinen Mantel ab und setzte sich zu Tisch. Die Frau blieb für einen Augenblick dem Feuer zugewandt, um ihr Lächeln zu verbergen, welches ihr müdes Gesicht nun schmückte. Das Kaminfeuer spiegelte sich in ihren wässrigen Augen wider. Doch nur sie beide kannten das Geheimnis der ewig lodernden Flammen in ihren grauen Fenstern der Seele, welche seit über zwanzig Jahren unauslöschlich brannten. Nachdem sie Mut gefasst hatte, erhob sie sich und goss dem Besucher unaufgefordert Tee ein. Er hatte ein Buch aufgeschlagen und las die ersten Sätze laut vor. Sie hörte ihm keine Sekunde lang zu sondern studierte schweigend das Gesicht des Mannes.  Es war gebräunt, während die Haare und sein Bart schneeweiß waren. Er sah anders aus. Aber als sein Blick auf ihren traf war plötzlich nichts mehr anders. Als wären keine Jahre vergangen, in denen sie jeglichen Kontakt verloren hatten. Ihre Augen trafen auf dasselbe Feuer in seinen, die ebenfalls nicht erloschen waren und konnten sich an der Gesellschaft des anderen nicht sattsehen.

„Du hast ein Buch geschrieben“, stellte er mit einem Funkeln in seinen Augen fest.

„Das habe ich“, bestätigte sie.

Er klappte das Buch zusammen und betrachtete es kurz.

„Du hast über uns geschrieben“

Sie lächelte und nickte mit dem Kopf. Immer noch war sie warmherzig und voller Liebe.

Der Mann holte tief Luft um etwas zu sagen, doch im letzten Moment verstummte er. In seinen Augen waren Tränen und nur eine riss sich los und glänzte auf seiner Wange.

„Psst“, tröstete sie ihn und breitete ihre Arme aus, „sage nichts.“

Wie ein Kind stürzte sich der Sechzigjährige in die Arme der Frau. Sie hielten sich lang und fest, bis beide genug Kraft gesammelt hatten, um wieder voneinander Abschied zu nehmen.

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