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Winterspiele

Was machst du, wenn die Liebe deines Lebens, sich als unmöglich entpuppt? Ganz einfach: du rennst davon. Ständig auf der Flucht vor ihm, vor den eigenen Gedanken und Erinnerungen. Das alles, um etwas Frieden zu finden, um die erschöpfte Seele auszuruhen.

Weihnachten und Silvester vergingen schnell. Die Feiertage waren anstrengender als erwartet. Die Familie merkte die Melancholie, die ihre einst so aufgedrehte und gesprächige Mirabell umgab. Trotz ihres aufgesetzten Lächelns wussten auch ihre Freunde, dass sie ihn noch nicht vergessen hatte. Alle bemerkten die Veränderung, und nur sie fühlte es. Sie brauchte mehr Abstand. Geografische Distanz. Also packte sie am nächsten Morgen ihre Klamotten, nahm ein paar Bücher mit und ging zum Bahnhof.

„Bitte ein Ticket für den nächsten Zug. Egal wohin.“, verlangte sie am Schalter etwas unsicher. Die Dame warf kurz einen Blick über die dicken Ränder ihrer Lesebrille und starrte dann auf den Bildschirm ihres Computers. „Na dann, viel Spaß in Prag. Nächster bitte!“, schrie die Dame über Mirabells Schuler.

Die Zugfahrt war angenehm, auch das einsame kleine Hotel in dem sie abstieg, war zu ihrer Zufriedenheit. Da sie die Einsamkeit nicht mehr ertrug, beschloss sie ihre einzigen Verwandten, die hier lebten, aufzusuchen. Sie verbrachte einen netten Tag mit ihnen. Obwohl es draußen kalt war und der Schnee die Dächer und Straßen bedeckte, ließ sie sich die Schönheiten der Stadt zeigen. Am Abend jedoch machte sie alleine einen kurzen Spaziergang auf der Karlsbrücke. Sie war überrascht, nur ein paar Menschen anzutreffen. Wahrscheinlich hielt die eisige Kälte die meisten davon ab, sich im Freien aufzuhalten.

Plötzlich fühlte sie die so sehr erwünschte Ruhe. Sie stand alleine mitten auf der Brücke und starrte zu den Dächern und Kuppeln der Stadt hinauf. Die Straßenlaternen leuchteten und ließen den Schnee noch weißer erscheinen. Die stummen Figuren schienen ihr Leid zu kennen und sie zu verstehen. Sie hielt die Tränen zurück und lächelte. Hatte sie es geschafft? Hatte sie ihn, der einer anderen versprochen war, ihn, der ein doppeltes Spiel gespielt hatte und der die Meinung seiner Eltern über seine eigenen stellte, hatte sie ihn endlich überwunden? In diesen Gedanken versunken drehte sie sich um, und blickte auf den knirschenden Schnee unter ihren Stiefeln. Als sie die Füße eines anderen erkannte, hob sie augenblicklich den Kopf, um den Touristen auszuweichen. Aber es war kein Tourist. Es war er.

Eine unkontrollierte Wärme breitete sich in ihrem Körper aus, ihre Hände begannen zu zittern und es verschlug ihr die Sprache, während ihr Blick an ihm festzukleben schien. Unfähig wegzusehen starrte sie in diese geheimnisvollen Augen. Was tat er hier? Was tat er ausgerechnet in diesem Land, in dieser Stadt, zu dieser Zeit, auf dieser Brücke? Wie konnte man nur so viel Pech im Leben haben, um genau der Person, vor der man auf der Flucht war, in die Arme zu laufen?

Er hingegen schien erfreut darüber. Sein Lächeln war leicht und verspielt. Anscheinend verspürte er nicht den geringsten Anteil vom Kummer und Schmerz, den sie tapfer und schweigend ertrug. Wo war seine Verlobte? Waren sie mit beiden Familien hierhergekommen, um einen der märchenhaften Bälle zu besuchen, zu den solche feinen Menschen gingen, zu dessen Elite sie selbst nie dazugehören würde? Ein letztes Mal sammelte sie alle Kraft die sie hatte, drehte sich um und begann wegzulaufen. Wie ein Kind lief sie auf wackeligen Beinen und fürchtete sich, auf diesem weißen Überzug auszurutschen. Eine Hand, sie erkannte anhand des Griffes, dass es seine war, zwang sie zu Stehen. Sie vermied jeglichen Augenkontakt und drehte jedes Mal den Kopf von ihm weg, während er veruchte, ihren Blick zu fangen.

Sie war am Ende. Sie konnte ihm nicht entkommen.

In seiner Umarmung fielen ihr plötzlich die Worte von Bukowski ein, den sie auf der Zugfahrt gelesen hatte. „Finde was du liebst und lass es dich töten.“ Vielleicht war das der einzige Weg für sie. Nicht mehr wegzurennen, sondern sich auf seine Spielchen einzulassen.

Aus dem Tagebuch einer Liebenden

changing weather

Wir verliebten uns im Winter, dem kältesten Winter seit eh und je. Die Winde peitschten durch die leeren Gassen der Stadt. Jede unverdeckte Hautpartie wurde sofort rot und tat weh vom Frost. Das Gesicht spannte und die Augenlider fühlten sich eiskalt an. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln und die weißen Flocken, die vom blauen Himmel fielen, glitzerten in kalten Sonnenstrahlen. Wie gesagt, eine Kaltfront überfiel die Stadt über Nacht. Nur ich spürte nichts davon. Für mich wird das der wärmste Winter meines Lebens bleiben. Mich wärmte eine innere Sonne, die nur ich sehen konnte, und die nur für mich allein schien. Ich war verliebt.

Mein Mann war eine Art persönliche Sonne, die nur für mich strahlte und nur mich mit einer Energie versorgte, die mir seltsam aber angenehm vorkam. Noch nie hatte ich solch eine Hitze gespürt, solche Flammen entfachen lassen und solch eine Glückseligkeit empfunden, die jedes Atom meines Körpers zum Rütteln brachte. Er brachte alles zum Beben.

Aber wie das so ist mit dem Wetter, trat nach dem Winter der Sommer ein. Ohne Vorwarnung und ohne die Übergangsperiode, die wir Frühling nennen, kam der heißeste Sommer aller Zeiten. Von einem Extrem zum anderen. Die gleiche Sonne ließ nun verbrühende Lichtstrahlen über die Stadt herab, und die Menschen versteckten sich nun vor der Hitze. Nur ich empfand erneut das Gegenteil. Vor lauter Beben hatte ich die Einsturzgefahr völlig außer Acht gelassen. Mein Mann entschied sich, aus meinem Leben zu verschwinden, und meine Sonne ging mit ihm. Bei 38 Grad draußen empfand ich nichts außer Kälte. Eine aggressive und wilde Kälte, wie ich sie mir in Sibirien vorstellte, wütete in meinem Körper. Das, was im letzten Winter die anderen geplagt hatte, war nun in meinem Herzen. Schweigend biss ich die Zähne zusammen und fror. Immer wieder verkrampfte sich das arme Herz vor Winden, die ihn peitschten und die Wunden aufs neue aufrissen. „Gehe raus, genieße den sonnigen Tag!“, riet man mir. Aber keiner wusste, dass dieses Eis in mir trotz der Hitzewelle nicht schmolz, und dass keine Sonne diese wütenden Winde vertreiben konnte. Es blieb mir nichts anderes übrig als auf den nächsten Wetterumbruch zu hoffen.

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