Am ersten Sonntag des Jahres kam ich morgens in die Gemeinde und wurde herzlich begrüßt. Der Begrüßungsdienst hielt einen Korb in den Händen. Darin lagen Karten, jede mit einem Bild und einem Bibelvers – eine persönliche Jahreslosung für jeden, der eine ziehen wollte. Mich lachte direkt ein Bild an, auf dem Buntstifte zu sehen waren. Dann jedoch: „Schau, ein Fuchs.“ Ich hörte die Stimme ganz klar, aber der Begrüßungsdienst sagte, er hätte nichts gesagt und es stand auch sonst niemand um mich herum. Naja, jedenfalls ließ ich mich davon beeinflussen und zog die Karte mit dem Fuchs.
Philipper 4,7:
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.
„Was für eine Zusage!“, dachte ich mir. „2025 wird mein Jahr!“
Und dann kam alles ganz anders.
Streit und Auseinandersetzungen folgten, und ich flog innerhalb von zwei Monaten dreimal von Zuhause raus. Im Mai zog ich die Reißleine, zog endgültig aus und lebte dann ganz plötzlich allein. Der Tag meines Auszugs hat sich in mein Hirn gebrannt. Ich hatte Tränen erwartet, doch ich weinte nicht. Keine Träne. Heute weiß ich, dass ich einfach nicht weinen konnte, weil in mir alles so zerbrochen war. Aber damals war ich einfach erleichtert, dass alles so problemlos über die Bühne ging.
Abends hatten wir Jugendgottesdienst. Ich war nur mit halbem Herzen dabei, denn wie konnte ich meinen Gott loben, wenn ich tief drinnen zerbrochen war? Doch Gott ließ mich nicht allein. Er sprach direkt zu mir: Nach dem Gottesdienst ging der Moderator auf die Bühne, um uns den Segen zuzusprechen. Und als er zu sprechen begann, da glaubte ich meinen Ohren kaum:
„… und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus …“
Ich drehte mich zu meiner besten Freundin, die neben mir stand, und Tränen stiegen mir in die Augen.
„Philipper 4,7“, flüsterte ich und sie nickte. Sie wusste und weiß, was mir dieser Vers bedeutet.
Damit war die erste Hälfte des Jahres beinahe schon vorbei. Der Sommer kam – und mit ihm eine emotionale Reise, die ich so nicht hatte kommen sehen. Die ersten Tage und Wochen in meinen eigenen vier Wänden fühlten sich gleichzeitig befreiend und überfordernd an. Nebenher lief meine Ausbildung, die mich ziemlich forderte und mir nur wenig Raum ließ, mich zu sortieren.
In dieser Zeit war ich vor allem meiner besten Freundin dankbar. Sie hat mich im Frühjahr aufgefangen, aufgenommen, getragen... und ließ mich auch in den Monaten danach nicht los. Sie war da, durch Höhen und Tiefen, durch all die kleinen und großen Abstürze, die kein Mensch sieht, wenn man im Außen lächelt. Denn das tat ich: Das innere Chaos weglächeln.
Meine Wochenenden waren voll: Unternehmungen, Menschen, Ablenkung. Es tat gut. Und dennoch war es eine Art Flucht. Solange ich beschäftigt war, musste ich mich nicht mit meinem zerbrochenen Inneren auseinandersetzen. Und wenn ich ehrlich bin: Bis heute fällt mir das schwer.
Ende Mai besichtigte ich mit einer anderen engen Freundin die Wohnung, die wir nach einigen Renovierungsarbeiten im September gemeinsam bezogen. Gleichzeitig fühlte ich mich in meiner Gemeinde immer mehr zuhause. Ich lernte neue Menschen kennen, wagte mich in ein Lobpreisteam, fühlte mich gesehen und gehalten. Auch, weil einzelne Menschen meine Tiefphasen mittrugen und mich bei meinen Umzügen unterstützten.
Ab Herbst ging es mir äußerlich und innerlich besser. Der Abstand zu meiner Familie tat unserer Beziehung ebenfalls gut. Plötzlich konnten wir miteinander umgehen, ohne uns (unabsichtlich) zu verletzen.
Und dann kam der Spätherbst.
Und mit ihm ein Mensch, der bis dahin eher am Rand meines Alltags existiert hatte. Er stolperte in mein Leben und stellte meine Welt auf den Kopf. Wir kannten uns, ja. Über die Gemeinde, über gemeinsame Projekte und Unternehmungen als Jugendgruppe. Aber mehr als gelegentliche Gespräche und ein durch äußere Umstände gegebenes Nebeneinander war da nicht.
Im Sommer, mitten im Umzugschaos und den Renovierungsarbeiten, näherten wir uns etwas an und entwickelten eine leichte, fast widersprüchliche, rein platonische Freundschaft mit eingebauten Stacheln. Wir mochten uns irgendwie… und gleichzeitig auch nicht. Es war kompliziert, bevor es überhaupt etwas war.
Doch Mitte Oktober veränderte sich etwas. Erst kaum merklich, dann mit einer Klarheit, die uns beide erschreckte. Zwei Wochen später standen wir da, mittendrin in dem Chaos, das sich in und um uns ausgebreitet hatte – und waren plötzlich ein Paar.
2025 hat mir vor allem eines gezeigt:
Gott offenbart sich in den alltäglichsten Kleinigkeiten und in den unvorhersehbarsten Momenten.
Er geht mit mir durch Dick und Dünn, durch Höhen und Tiefen, und ich kann nie tiefer fallen als in seine Hand. Sein Plan ist größer als alles, was ich mir vorstellen könnte, und er überrascht mich immer wieder. Oft gerade dann, wenn ich es am wenigsten erwarte.
Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, was 2025 alles mit sich bringen würde: dass ich ausziehe, dass ich meinen eigenen Weg gehe und dass ich eine Beziehung eingehe... ich hätte dieser Person vermutlich den Vogel gezeigt. Zu weit weg, zu unrealistisch, zu absurd erschien mir das damals. Und doch hatte Gott all diese Wege längst gesehen, lange bevor ich überhaupt den ersten Schritt wagte.
Und nun darf ich dieses Jahr beenden mit einem vollen Herzen, mit einem Blick in eine Zukunft, die nicht leer, sondern gefüllt vor mir liegt.
Ich starte an der Hand meines himmlischen Vaters in ein neues Jahr.
365 unbeschriebene Seiten, bereit für alles, was er hineinschreiben möchte.
Und ich kann es kaum erwarten zu sehen, womit er sie füllen wird.
