Allgemein, Aus dem Tagebuch einer Liebenden

summer lovin´

Dieser Sommer hatte scheußlich begonnen. In den heißesten Monaten des Jahres, auch Sommerferien genannt, hatte eine Siebzehnjährige wirklich Besseres zu tun als ungeduldige Menschen zu bedienen und Tische zu putzen. Leider ließ sich mein Praktikum nicht länger aufschieben und auch ich musste Erfahrungen sammeln, um die bevorstehende Serviceprüfung am Ende des Jahres positiv abzuschließen. Mein Problem war es nur, dass ich fast alles an diesem Praktikum hasste: Die Arbeitszeit, die am späten Nachmittag anfing und bis Mitternacht dauerte; Die oberflächlichen und arroganten Kollegen, die ich jeden Tag ertragen musste und die teilweise noch schlimmeren Gäste, die überheblich und präpotent waren.

Eines Tages wurde eine Hochzeit im Restaurant gefeiert. Mehr als hundert weiße Rosen wurden geliefert und in große Vasen verteilt. Es gab live Musik und einen Grillmeister, der für gefüllte Teller sorgte. Der Bräutigam rief mich zu ihm und bestand darauf, dass ich wie eine Dienerin an seiner Seite stand und den Aschenbecher hielt, während er gemütlich seine Zigarette rauchte und sich mit seinen Freunden amüsiert unterhielt. Ohne einen Kommentar abzugeben ließ ich den Anzugträger stehen und ging hinaus zur Donau, wo ich für mich sein konnte. Genervt betrachtete ich den Mond, dessen Spiegelbild an der Wasseroberfläche tanzte. Ich überlegte, ob ich das gläserne Schälchen ins Wasser oder doch dem Bräutigam an den Kopf werfen sollte.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, mischte ich mich unter die Gäste. Plötzlich erblickte ich den neuen Küchenpraktikanten, wie er den alten Grillmeister ablöse und statt ihm die Hähnchenspieße goldbraun wendete. Ohne nachzudenken stellte ich den Aschenbecher auf einen der Stehtische ab und ging zum Grillstand. Stefan, so hieß dieser äußerst sympathische und attraktive Typ, war über meine Gesellschaft erfreut. Wir unterhielten uns und meine schlechte Laune verschwand augenblicklich. Für einen Moment vergaß ich wo ich war. Ich sprach ihn auf seine Kochjacke an, denn die Knöpfte waren nicht rund und einfarbig, so wie ich es kannte, sondern hatten die Form von Lebensmitteln und Gebäck. Ich erkannte einen Croissant, einen Shrimp, eine Erdbeere, eine Zitrone… Unsere Unterhaltung fing bei seinen Knöpfen an und endete abrupt, als mir die oberste Kellnerin schmutzige Teller in die Hand drückte und mir mit ihrem strengen Blick zu verstehen gab, dass ich nicht für das Flirten bezahlt wurde.

Seit diesem Abend begann der Sommer erträglicher zu werden. Die Arbeit an sich hasste ich immer noch, nur ertrug ich alles viel leichter als am Anfang. Offene Getränke wurden auf Gäste ausgeschüttet, die Hauptspeisen aus den viel zu schweren und heißen Tellern landeten manchmal auf dem Boden und Saucen auf den teuren Jacketts der Businessmänner, doch nichts, absolut nichts konnte mein inneres Glück stören. Wegen Stefan schwebte ich auf Wolke Sieben und konnte an nichts anders mehr denken. Wir sahen uns jeden Tag, verbrachten unsere Pausen zusammen und nach jedem Treffen verliebte ich mich ein klein wenig mehr in ihn.

„Du siehst so anders aus“, kommentierte meine Chefin, während ich hinter der Bar aushalf.

„Ja, stimmt, etwas ist anders an ihr“, bemerkte auch der Barkeeper, der mich vom Kopf bis zum Fuß beäugte.

„Vielleicht sind es die Augenbrauen? Oder Rouge, hast du Rouge auf den Wangen?“, fragte die strenge Kellnerin in einem sanften Ton, was unheimlich wirkte.

„Nein, nichts davon“, war meine Antwort. Ich hatte wirklich nur Wimperntusche und ein wenig Lipgloss aufgetragen, was ich seit meinem ersten Tag schon trug aber bisher keiner bemerkt hatte.

„Komisch. Ich sehe doch, dass etwas anders ist“, wollte die Chefin nicht locker lassen. Mir wurde es langsam unangenehm, wie ein Tier im Zoo betrachtet und kommentiert zu werden.

„Geh schnell die Kerze beim Eingang anzünden!“, befahl die Kellnerin plötzlich, „Ich hatte es völlig vergessen! Die ersten Gäste sollten gleich kommen!“ Ein weiteres Event stand an, das jede Minute beginnen sollte. Natürlich ließ ich alles stehen und eilte zum Empfang, der an diesem Abend aber nicht benutzt wurde, denn die Veranstaltung war hauptsächlich auf der Terrasse und die Gäste kamen mit Booten über die Donau an.

„He! Was machst du da?“, fragte mich Stefan, der mit seiner Sporttasche hinter mir stand und mich angrinste. Ich spürte die plötzliche Wärme, die meine Wangen rot färbte. Von wegen Rouge. Ich war verliebt.

„Ich muss die Kerze anzünden, aber meine Streichhölzer…“, erklärte ich und tastete unter meiner schwarzen Schürze die Hostentaschen ab.

Kommentarlos händige er mir sein Zippo-Feuerzeug. Hastig griff ich danach und zum ersten Mal berührten sich unsere Hände. Plötzlich stand die Welt still! Sein fesselnder Blick hypnotisierte mich und ich konnte sehen, dass auch er es spürte, dieses magische Etwas, das zwischen uns entstand und ich es mir nicht erklären konnte. Ich war siebzehn und dachte die Menschheit und die Welt bis irgendwohin zu verstehen. Aber das,  was mir passierte, traf mich völlig unerwartet und unvorbereitet.

„Hörst du mir eigentlich zu?“, fragte Stefan und holte mich aus meiner Trance zurück. Anscheinend hatte er mir etwas erzählt, doch ich hörte nicht zu. Alles was ich sah waren seine leuchtend blauen Augen, die wegen seinem gebräunten Gesicht noch heller wirkten. Auf seinem linken Ohrläppchen trug er einen Diamantenohrring, der ab und zu funkelte und von seinem Lächeln ablenkte. Mir war aufgefallen, dass er unter seinem T-Shirt eine silberne Kette trug, aber  dass er mit mir sprach merkte ich nicht.

„Doch,  doch!“, log ich und tat so, als ob ich ihn gehört hätte. Ich wollte nicht, dass er mich für verrückt hielt und drehte mich schnell um, um die Kerze endlich anzuzünden. Anschließend übergab ich das Feuerzeug seinem rechtmäßigen Besitzer zurück. Dieses Mal war ich vorsichtiger und legte es langsam in seine Hand.

„Dann bis morgen“, verabschiedete er sich grinsend und ging. Da er kurze Hosen trug sah ich, dass seine rechte Wade mit drei chinesischen Zeichen tätowiert war. Was sie wohl bedeuteten?

„Bis morgen“, wiederholte ich seufzend.

„Die ersten Gäste sind schon da!“, schrie mich plötzlich die Kellnerin an und ich fuhr erschrocken zusammen. „Worauf wartest du? Los, los, los!“, piepste sie hektisch und drückte mir das Tablett mit Sektgläsern in die Hand.

Ich ließ die Kerze brennen und grinste beim Gedanken daran, dass  ich das Feuer mit seinem Feuerzug entzündet hatte. Was für ein verrückter Sommer! Ich hätte nie gedacht, dass so ein schrecklicher Anfang ein so süßes Ende haben könnte.

summer lovin´

Allgemein, Aus dem Tagebuch einer Liebenden

Bargespräche

 

An diesem Nachmittag hatte ich einen Streit mit meiner Frau. Eigentlich hasse ich es, wenn wir uns streiten. Aber nach über dreißig Jahren Ehe weiß ich auch, dass Meinungsverschiedenheiten dazugehören und dass sie mich mit ihrer Sturheit zur Weißglut treiben kann. Also beschließe ich ganz allein ins Kabarett zu gehen. Doch nicht die darstellende Kunst half mir zu erkennen, was für ein Glückspilz ich eigentlich war, sondern das Gespräch mit einer jungen Frau, die glatt meine Tochter sein könnte.

Nach der Vorstellung beschloss ich in die Bar nebenan zu gehen und mir einen Drink zu gönnen. Auf den ersten Blick war ich fasziniert von den kleinen aber gemütlichen Räumlichkeiten, die fast heimelig wirkten. Natürlich war das Licht gedimmt und bunte Scheinwerfer erhellten die noch leere Tanzfläche. Der Geruch vom alten Holz und Zigarren schwebte in der Luft und auch die roten Samtwände verströmten einen eigenen, nicht unangenehmen aber recht spezifischen Duft. Der große, mit Diamanten besetzte Lüster pendelte hin und her. Ich versuchte mich, so unauffällig es ging, an die Theke zu setzen. Obwohl ich finde, dass ich  für mein Alter  gar nicht so übel  aussehe, fühlte ich mich fehl am Platz. Die cremefarbene Hose mit Bügelfalte und mein hellblaues Hemd – ich weiß, eine Kombination, die nach Senioren und Altersheim schreit – erlaubten mir nicht, unauffällig meinen Whiskey zu genießen. Etwas nervös   trank ich mein Getränk und beobachtete die anderen Gäste um mich herum,  die zur Musik aus den 50er Jahren tanzten. Ich erinnerte mich an meine Jugend und  musste wie verrückt grinsen. Es war die beste Zeit meines Lebens. Die Zeit, in der ich meine Frau kennengelernt habe und es nie bereut habe. Nicht einmal nach unserem Streit.

Und dann, als ich die jungen Menschen lange genug beobachtet hatte, fiel mir auf,  dass keiner von ihnen wirklich glücklich war. Sie lachten ohne Funken in den Augen, sie tanzten energielos und sprachen ohne jegliche Begeisterung. Hinter diesen lächelnden Masken versteckten sich arme, traurige Gesichter, die die anderen oder womöglich auch sich selbst vom Gegenteil überzeugen wollten. „Was war mit der heutigen Jugend nur los?“, fragte ich mich. Diese fast zombiehafte Stimmung erschrak mich mehr als die dramatischen Schlagzeilen in den Zeitungen.

In diesem Augenblick kam ein junges Fräulein an die Bar, um sich einen Cocktail zu bestellen. Sie war mir aufgefallen, weil sie den melancholischen Blick in ihren Augen nicht verstecken konnte. Ohne viel zu überlegen, sprach ich sie an.

„Entschuldige bitte“, versuchte ich höflich ein Gespräch anzufangen. Ich wollte nicht den falschen Eindruck erwecken, aber sie lächelte entspannt und blickte mich mit einem respektvollen und höflichen Blick an, den man für gewöhnlich älteren Personen entgegenbringt. „Dürfte ich Sie etwas fragen?“ Zu meiner Überraschung nickte sie und nahm ihren Cocktail in die Hand. Neugierig starrte sie mich an.

„Sie scheinen mir wie jemand, der lieber woanders wäre als hier. Woran liegt das?“

Fast etwas verschämt blickte sie zu Boden und überlegte kurz, ob sie auf meine Frage antworten sollte. Dann sprach sie: „Das liegt daran, dass ich tatsächlich lieber zu Hause wäre, um in aller Ruhe mein Buch zu lesen.“

„Gefällt es Ihnen denn nicht hier?“ Ich wollte unbedingt wissen, was in ihr vorging.

„Doch, doch! Die Location ist super, die Musik ist fabelhaft und die Getränke sind gut gemixt. Ich bin mit meinen Freunden hier und es ist eigentlich ein toller Abend.“

„Eigentlich…“, hob ich hervor. Ich spürte, dass da noch mehr war, was sie mir nicht  sagen wollte. Doch durch den Alkohol beeinflusst, sprach sie weiter.

„Waren sie jemals verliebt? Ich meine, so richtig, ohne jegliche Begründung und ohne nachzuvollziehen, warum ausgerechnet diese eine Person, und nur diese eine Person, sie glücklich machen kann?“

Sofort nickte ich. „Ja. Ich habe sie vor fast vierzig Jahren geheiratet.“

Sie lächelte. „Das freut mich für Sie, wirklich.“

Ich wartete in der Hoffnung, dass sie weiter erzählte. Ihre Augen glänzten.

„Wissen Sie, ich habe so jemanden verloren, wahrscheinlich für immer. In meinem Herzen hat er ein Loch hinterlassen und egal wohin ich gehe, die Leere folgt mir wie ein Schatten. Und jeder hier, inklusive meinen Freunden da drüben“, sagte sie und deutete auf ein Grüppchen auf der Tanzfläche, „jeder von ihnen versucht seine eigene Leere auf dieselbe Weise zu füllen: Mit lauter Musik, Alkohol, vielleicht neuen Bekanntschaften für eine Nacht… Aber am Ende sind wir alle einsamer als wir es zugeben wollen.“

Ihre Offenheit und Ehrlichkeit überraschte und erschrak mich zugleich. Warum war ich mit meinen sechzig Jahren, mit einem Bandscheibenvorfall und meinem schlechten Gehör so viel glücklicher als diese jungen Menschen, die noch so viel vor sich hatten? Herr im Himmel, sie hatten doch alles: Schönheit, Gesundheit, die neuersten Telefone, die modernsten Kleidungsstücke, die schnellsten Autos und konnten um die Welt reisen!

„Einen schönen Abend noch“, sagte das junge Mädchen und ging zu ihren Freunden. Nachdenklich blickte ich ihr hinterher. Sie hatten alles, aber ihnen fehlte das Wichtigste, sozusagen die Essenz des Lebens: Die Liebe, sie war der Schlüssel zum Glück.

Ich ließ mein Getränk stehen und eilte nach Hause. Ich hatte unseren Streit völlig vergessen und freute mich auf die Umarmung meiner Frau, die mir die ganze Welt bedeutete.

Ich habe mein Glück gefunden und hoffe, dass diese jungen Menschen es eines Tages auch finden.

 

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Aus dem Tagebuch einer Liebenden

Das Wolfsmädchen

Alle dachten, sie hätte sich verirrt.

Aber sie musste ihn sehen, seine Nähe spüren.

Die Jäger berichteten regelmäßig über Abscheulichkeiten, die in diesem Wald lungerten, der sich nicht weit vom Dorf befand. Zahlreiche Monster warteten nur darauf, dass ein Dorfbewohner den falschen Weg einschlug und in ihre Klauen geriet. Seitdem die Jäger mit ihren kreativen aber brutalen Fallen für die Sicherheit sorgten, traute sich nichts mehr aus dem Wald hinaus. Geduldig warteten sie auf die Beute, die früher oder später von selbst kommen würde.

Das Mädchen wusste das alles. Und trotzdem ging sie in den Wald, ohne eine einzige Sekunde über die lauernde Gefahr nachzudenken. In dieser Nacht, als sie die Einsamkeit wieder packte und das Herz zu schmerzen begann, blieb ihr keine andere Wahl als ihr Monster aufzusuchen, der jeden Abend auf sie wartete. Mit dem neugierigen Mond, der jeden ihrer Schritte folgte und ihr über die Schulter blickte, stampfte sie durch den dichten Wald.

Als sie bei einer Holzhütte ankam, blieb sie stehen und wartete. Das war ihr Ort gewesen, wo sie sich heimlich trafen.

Und siehe da: Zwei leuchtende, silberne Augen starrten sie aus der Dunkelheit an. Das für den Wolf typische Knurren echote und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es tatsächlich er war.

Langsam, als ob er sich beherrschen müsste, trat der große Wolf hervor und blieb vor dem zierlichen Mädchen stehen. Vorsichtig streckte sie ihre dünne, totenblasse Hand aus. Obwohl er eine Bestie war, liebte sie ihn wie am ersten Tag, als sich ihre Wege zufällig gekreuzt hatten. Sie war eine dumme, naive Göre, die ein Tier liebte und nicht stark genug war, sich von ihm fernzuhalten.

Er schnüffelte an ihren Fingern und legte seine Schnauze so, dass sie ihn streicheln konnte.

„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie und umarmte die Bestie, in dessen Fell sie  sich wie in einer Decke einkuschelte.

Er neigte seinen Kopf.

Sie vermisste seine Stimme und seine menschliche Gestalt.

„Geht es dir gut?“, fragte sie und blickte in seine Augen, die unverändert geblieben waren. Tief in seinem Innern war er noch derselbe, in den sie sich verliebt hatte.

Er nickte und warf ihr einen ihr schon bekannten Blick zu.

„Keine Sorge, mir passiert nichts“, beruhigte sie ihn, „Ich bleibe nicht lange, versprochen.“

Gerade als sie die Worte laut aussprach, hörten sie ein Geräusch und erstarrten beide vor Schreck. Der Wolf drehte ihr den Rücken zu und wartete gespannt, bis sich das angekündigte Ungeheuer blicken ließ. Sein Schwanz wedelte wie wild und er fletschte seine spitzen Zähne, bereit, Blut fließen zu lassen. Plötzlich trat ein Wesen hervor, das halb Mensch halb Tier war. Der Werwolf war kolossal, stand auf zwei Beinen und schlug mit seinen Armen um sich. Fest entschlossen, das Mädchen zu verspeisen, stürzte er sich auf sie und zerkratzte sie an der Wange. Zu ihrem Glück drängte sich der Wolf dazwischen und stürzte das tollwütige Monster zu Boden. Keifend und mit einem Gebrüll, der den ganzen Wald aufweckte, rollten sie sich in die Dunkelheit zurück.

Trotz ihrer wackligen Knie raffte sie sich auf und lief den ganzen Weg zurück, den sie gekommen war, während das Blut ihren Hals wie eine Diamantenkette schmückte. Die Wunde war ein präziser und tiefer Schnitt, der vom linken Ohr bis zum Kinn reichte. Doch in diesem Moment sorgte sie sich mehr um ihre Bestie als um sich selbst.

Der Mond erhellte ihr den Weg, damit sie nicht in ein Gestrüpp lief oder über Baumstumpfe stolperte. Plötzlich trübte sich ihr Blick und der Wald begann sich zu drehen. Mit großer Mühe erkannte sie die drei Jäger, die mit Fackeln und Schrotflinten bewaffnet, lauthals ihren Namen riefen. Sie schloss die Augen und fühlte nichts, als sie wie ein abgesägter Baum auf den harten Boden fiel.

Das schrille Geschreie einer Frau wecke sie wieder auf. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und erkannte neugierige Gesichter, die sich über sie beugten.

„Schnell, ich brauche mehr Schnaps, um die Nadel zu desinfizieren!“, hörte sie den Jäger schreien. Obwohl sie wie hypnotisiert den Mond am dunklen Nachthimmel anstarrte, spürte sie die Hektik und Anspannung, die ihre Zuschauer ausstrahlten.

Innerlich lächelte sie den Mond an. Auch jetzt wich der treue Begleiter nicht von ihrer Seite. Mit einem Auge blickte er auf sie herab und mit dem anderen hielt er Ausschau nach ihrem Wolf.

 

Allgemein, bücher, harry potter

Über Harry Potter

Liebe J.K. Rowling!

Ich kann mich erinnern, dass er damals für Aufregung sorgte. Jeder las über den berühmten Zauberjungen und sah ihn auf der großen Leinwand. Nur ich nicht.

Die Jahre flogen dahin und ich wurde erwachsen. In meinem Leben lief es drunter und drüber. Es gab einen Zeitpunkt, an den ich mich nicht gerne erinnere. Ich war verloren. Es war das Fürchterlichste, was ich bisher erlebt hatte. Und dann traf ich Harry, den Jungen der überlebte.

In diesen, für mich dunklen Zeiten, begann ich Harry Potter zu lesen. Ich konnte nicht glauben, wie viel Licht und Freude dieser kleine Junge in mein Leben gebracht hatte. Ich sah ihn aufwachsen und entwickelte unwillkürlich Muttergefühle für ihn. Er war mein Harry und ich bangte mit ihm. Ich sah ihn aufwachsen, war mit Stolz erfüllt über seine Tapferkeit, sein gutmütiges Herz und seinem Durchhaltevermögen. Ich lachte mit ihm, ich weinte mit ihm. Als er dann schlussendlich seine eigene Familie gründete, ließ ich ihn wieder los. Mein Harry war erwachsen und ich wurde Großmama.

Eine unglaublich tolle Welt, in die Sie uns eintauchen lassen. Diese Welt hatte mich damals aus meiner befreit.

Mittlerweile bin ich selbst Mutter. Letzte Woche war ich mit meinem zehnjährigen Sohn in der Buchhandlung. Zufällig sind mir die Bücher aufgefallen und ich dachte mir, dass es an der Zeit wäre, ihm die magische Welt zu zeigen. Seitdem läuft er mit dem ersten Band durchs Haus und liest wo er kann. Vor dem Schlafen gehen höre ich ihn lachen und am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt er uns gespannt, was im Buch so alles passiert.

Ich könnte nicht glücklicher sein. Danke J.K. Rowling, vom ganzen Herzen! Sie haben Großartiges geleistet.

 

Hochachtungsvoll,

eine ehrliche Mutter

 

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Allgemein

Winterspiele

Was machst du, wenn die Liebe deines Lebens, sich als unmöglich entpuppt? Ganz einfach: du rennst davon. Ständig auf der Flucht vor ihm, vor den eigenen Gedanken und Erinnerungen. Das alles, um etwas Frieden zu finden, um die erschöpfte Seele auszuruhen.

Weihnachten und Silvester vergingen schnell. Die Feiertage waren anstrengender als erwartet. Die Familie merkte die Melancholie, die ihre einst so aufgedrehte und gesprächige Mirabell umgab. Trotz ihres aufgesetzten Lächelns wussten auch ihre Freunde, dass sie ihn noch nicht vergessen hatte. Alle bemerkten die Veränderung und nur sie fühlte es. Sie brauchte mehr Abstand. Geografische Distanz. Also packte sie am nächsten Morgen ihre Klamotten zusammen, nahm ein paar Bücher mit und ging zum Bahnhof.

„Bitte ein Ticket für den nächsten Zug. Egal wohin“, verlangte sie am Schalter etwas unsicher. Die Dame warf kurz einen Blick über die dicken Ränder ihrer Lesebrille und starrte dann auf den Bildschirm ihres Computers. „Na dann, viel Spaß in Prag. Nächster bitte!“, schrie sie ungeduldig.

Die Zugfahrt war angenehm, auch das einsame kleine Hotel in dem sie abstieg, war zu ihrer Zufriedenheit. Da sie die Einsamkeit nicht mehr ertrug, beschloss sie ihre einzigen Verwandten, die dort lebten, aufzusuchen. Sie verbrachte einen netten Tag mit ihnen. Obwohl es draußen kalt war und der Schnee die Dächer und Straßen bedeckte, ließ sie sich die Schönheiten der Stadt zeigen. Am Abend jedoch machte sie alleine einen kurzen Spaziergang auf der Karlsbrücke. Sie war überrascht, nur ein paar Menschen anzutreffen. Wahrscheinlich hielt die eisige Kälte die meisten davon ab, sich im Freien aufzuhalten.

Plötzlich fühlte sie die so sehr erwünschte Ruhe. Sie stand alleine mitten auf der Brücke und starrte zu den Dächern und Kuppeln der Stadt hinauf. Die Straßenlaternen leuchteten und ließen den Schnee noch weißer erscheinen. Die stummen Figuren schienen ihr Leid zu kennen und sie zu verstehen. Sie hielt die Tränen zurück und lächelte. Hatte sie es geschafft? Hatte sie ihn, der einer anderen versprochen war, ihn, der ein doppeltes Spiel gespielt hatte und der die Meinung seiner Eltern über seine eigene stellte, hatte sie ihn endlich überwunden? In diesen Gedanken versunken drehte sie sich um und blickte auf den knirschenden Schnee unter ihren Stiefeln. Als sie die Füße eines anderen erkannte hob sie augenblicklich den Kopf, um dem Touristen aus dem Weg zu gehen. Aber es war kein Tourist. Es war er.

Eine unkontrollierte Wärme breitete sich in ihrem Körper aus, ihre Hände begannen zu zittern und es verschlug ihr die Sprache, während ihr Blick an ihm festzukleben schien. Unfähig wegzusehen, starrte sie in diese geheimnisvollen Augen. Was tat er hier? Was tat er ausgerechnet in diesem Land, in dieser Stadt, zu dieser Zeit, auf dieser Brücke? Wie konnte man nur so viel Pech im Leben haben, um genau der Person, vor der man auf der Flucht war, in die Arme zu laufen?

Er hingegen war erfreut darüber. Sein Lächeln war leicht und verspielt. Anscheinend verspürte er nicht den geringsten Anteil vom Kummer und Schmerz, den sie tapfer und schweigend ertrug. Wo war seine Verlobte? Waren sie mit beiden Familien hierhergekommen, um einen der märchenhaften Bälle zu besuchen, zu den solche feinen Menschen gingen, zu dessen Elite sie selbst nie dazugehören würde? Ein letztes Mal sammelte sie alle Kraft die sie hatte, drehte sich von ihm weg und ging davon. Wie ein Kind lief sie auf wackeligen Beinen und fürchtete sich, auf diesem weißen Überzug auszurutschen. Eine Hand, sie erkannte anhand des Griffes, dass es seine war, stoppte sie aber. Sie vermied jeglichen Augenkontakt und drehte jedes Mal den Kopf von ihm weg, während er veruchte, ihren Blick einzufangen.

Sie war am Ende. Sie konnte ihm nicht entkommen.

In seiner Umarmung fielen ihr plötzlich die Worte von Bukowski ein, den sie auf der Zugfahrt gelesen hatte. „Finde was du liebst und lass es dich töten.“ Vielleicht war das der einzige Weg für sie. Nicht mehr wegzurennen, sondern sich auf seine Spielchen einzulassen.

Aus dem Tagebuch einer Liebenden

„Die Geister die ich rief…“

In meinem Fall ist es ein Geist, der mir solch eine Qual bereitet. Man könnte mir unbedachtes Handeln und Naivität vorwerfen. „Lasse keinen ins Herz, vor dem du die Haustüre verschließen würdest.“ Was ja auch logisch ist, nicht? Aber woher hätte ich denn ahnen können, dass er zu einem Poltergeist mutiert?

Wie alle Geister treibt auch er sein Unwesen in einem mittlerweile zerfallenen Ort. Dort, wo meine Seele haust. So ist das mit ihnen. In diesen Ruinen verweilen sie auf unbestimmte Zeit. Er ist zu einem solchen Geist geworden. Wenn ich die Augen ganz fest schließe kann ich sehen, wie er mit seinem wunderschönen Gesicht, doch mit einer verrückten Grimasse, auf mich zuschwebt und dabei höhnisch lacht. Die Erinnerung an uns ist furchteinflößender als alle Geister dieser Welt. Furchtbar deshalb, weil es mich quält und ihn mein Pein amüsiert. Aus diesem Grund  besucht er mich bei Tag und Nacht. Ein Geist kennt keine Empathie, hat keine Moral und schon gar kein Mitleid mit seinem Opfer.

Nun ist es über drei Jahre her, und ich werd´ meinen teuflischen Geist einfach nicht los. Ob ich es jemals schaffe, diesen ungebetenen Gast wieder zu vertreiben? Ich fürchte mich davor, dass neue Gespenster dazukommen und sich diesem dazugesellen. Dann hätte ich ein richtig großes Geister-Problem.

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Allgemein

Mondgeheimnisse

Es war kurz nach Mitternacht. Der Mond war übermäßig groß und leuchtete schummrig am dunklen Nachthimmel. Ein Mann, eingehüllt in einen schwarzen Umhang, ritt auf einem Pferd durch die Landschaft. Obwohl er schnell unterwegs war und der Wind seinen Mantel wie einen Vorhang wehte, saß sein runder Hut fest und verdeckte sein Gesicht. Auf einem Hügel angekommen, brachte er sein wildes Tier zum Stehen und stieg herab. Immer noch versteckte er sein Gesicht und schlich sich zur kleinen Holzhütte, durch dessen Fenster warmes Licht entkam. Ohne anzuklopfen riss er die Türe auf und trat hinein.

Eine dünne Frau, Mitte vierzig, mit langen grauen Haaren, stand im Zimmer und starrte erschrocken den Besucher an. Ihr schlichtes Kleid war aus grauer Baumwolle und um ihren Hals hing ein herzförmiges Amulett. Als sie den ersten Schock überwunden hatte, drehte sie dem Unbekannten ihren Rücken zu und kniete sich nieder, um ein paar Holzstücke in den offenen Kamin zu werfen. Schweigend schloss der Mann in der Zwischenzeit die Türe, legte seinen Hut und seinen Mantel ab und setzte sich zu Tisch. Die Frau blieb für einen Augenblick dem Feuer zugewandt um ihr Lächeln zu verbergen, das ihr müdes Gesicht nun schmückte. Das Kaminfeuer spiegelte sich in ihren wässrigen Augen wider. Doch nur sie beide kannten das Geheimnis der ewig lodernden Flammen in ihren Fenstern der Seele, welche seit über zwanzig Jahren unauslöschlich brannten. Nachdem sie Mut gefasst hatte, erhob sie sich und goss dem Besucher unaufgefordert Tee ein. Er hatte ein Buch aufgeschlagen und las die ersten Sätze laut vor. Sie hörte ihm keine Sekunde lang zu sondern studierte schweigend sein Gesicht.  Es war gebräunt, während die Haare und sein Bart schneeweiß waren. Er sah anders aus. Aber als sein Blick auf ihren traf, war plötzlich nichts mehr anders. Als wären keine Jahre vergangen, in denen sie jeglichen Kontakt verloren hatten. Ihre Augen erkannten dasselbe Feuer in seinen, die ebenfalls nicht erloschen waren und konnten sich an der Gesellschaft des anderen nicht sattsehen.

„Du hast ein Buch geschrieben“, stellte er mit Funkeln in seinem müden Blick fest.

„Das habe ich“, bestätigte sie.

Er klappte das Buch zusammen und betrachtete es kurz.

„Du hast über uns geschrieben.“

Sie lächelte und nickte mit dem Kopf. Immer noch war sie warmherzig und voller Liebe.

Der Mann holte tief Luft um etwas zu sagen, doch im letzten Moment verstummte er. In seinen Augen waren Tränen und nur eine riss sich los und glänzte auf seiner Wange.

„Psst“, tröstete sie ihn und breitete ihre Arme aus, „sage nichts.“

Wie ein Kind stürzte sich der Sechzigjährige in die Arme der Frau. Sie hielten sich lang und fest, bis beide genug Kraft gesammelt hatten, um wieder voneinander Abschied zu nehmen.

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